Wirtschaft : Lieselotte Raczkowski

Geb. 1925

Stephan Reisner

War sie nun die erste im Märkischen Viertel? Sie bestand darauf. Fand sie ihren Namen zu gewöhnlich? Oder klang er ihr zu sperrig? Tatsache ist, dass Lieselotte Raczkowski allen immer gleich das „Sissi“ anbot. Außerdem pflegte sie so manche Extravaganz. Zum Beispiel die, niemals alt zu werden.

Ein Foto aus dem Familienalbum: Sissi im goldenen Ballkleid. Kokett wendet sie dem Betrachter die Schulter zu und streckt ihr rechtes Bein hervor. Der Schlitz des Kleides reicht weit übers Knie. Ein Mädchen ist Sissi auf dem Foto schon lange nicht mehr. Eher eine Dame. Vielleicht auch eine Dame im besseren Alter. Auf keinen Fall jedoch eine Oma.

Sie wird niemals eine Oma, erklärte sie ihren Enkelinnen. Omas stricken und wedeln Staub von der Kommode. Sie nicht. Sissi färbte sich die Haare, lackierte die Fußnägel und guckte amerikanische Actionfilme. Aus unerfindlichen Gründen hatte sie etwas gegen die Farbe Blau. Vielleicht weil ihre Mutter Postbeamtin war. Ihr Motto: Es gibt nichts, was sich nicht auseinander nehmen, studieren und durch Nachbau vervollkommnen ließe.

In bester Erinnerung bleiben: Dutzende Hexenpuppen aus alten Nylonstrümpfen, kreiert nach halb autobiographischen Hexen-Erzählungen. Ein mit dicken Häkelschnüren und roten Holzperlen verziertes Kalebassen-Rhythmus-Instrument pseudoafrikanischer Bauart. Sowie die breitmäulige, in einen bunten Stofffußball hineingeschnittene Bollebackenhappschnute.

Ihr erster Beruf war Friseuse. Später kellnerte sie für französische Offiziere. Daher rührte ihre Liebe zu allem Französischen. Im Gegensatz zu allem Englischen. Sie sagte „Komputer“ und statt white „wiete“. Vielleicht mochte sie das Englische nicht, weil ihr erster Mann, ein U-Bootfahrer, 1944 im Atlantik versank und der Sohn bei einem Bombenangriff ums Leben kam. Über die Kriegszeit hat sie nie viel erzählt. Dafür um so mehr von den Jahren 1952-1962, als sie, die mondäne Großstädterin, an der Seite ihres zweiten Mannes zur haupt- und nebenberuflichen Laubenpieperin avancierte.

Dort, wo heute die Trabanten des Märkischen Viertels stehen, befand sich damals eine blühende Gartenkolonie. Ihr Grundstück lag im Goldhähnchenweg, und überall rannten, watschelten und hüpften Hühner, Puten, Gänse, Enten und Kaninchen umher. Je nach Platzbedarf wurde die Laube erweitert. Am Ende zählte das Agglomerat aus Holz, Ziegelstein und Dachpappen neun Dächer. Im Gemüsegarten stand eine handbetriebene Wasserpumpe, auf dem Hauptdach war ein meterhoher Taubenschlag. Wasserspülung gab es nicht, stattdessen ging der Vater „die Bommel schwenken“.

Sissi eröffnete einen Zeitungsladen direkt an der Laube. Da verkaufte sie nicht nur Zeitungen, Romane und Alkohol, sondern auch das kochfertige Geflügel aus der eigenen Zucht. Die Brutlampe zog viel teuren Strom. Doch Sissi besaß Herz und vor allem einen großen Busen. So erblickte manches ungeschlüpfte Küken aus ihrem Dekolleté heraus das Licht der Welt. Als die Gartenkolonie platt gemacht wurde, bezogen die Raczkowskis eine moderne 4-Zimmer-Wohnung im neuen Märkischen Viertel.

Sissi sagte immer, sie sei Rabulistin. Den Begriff hatte sie aus einem Kreuzworträtsel. Journalisten ließen sich immer wieder die Geschichte von der Gartenkolonistin, die zur ersten Mieterin des Märkischen Viertels wurde, erzählen. Bis zum Schluss blieb nicht ganz geklärt, ob die Nachbarin nicht doch den älteren Mietvertrag besaß. Was Sissi ihr jedoch zweifelsfrei voraus hatte, war die Gabe zur Wirklichkeitsapotheose. Gern erzählte sie freimütig von einer Ziege, die ein Nachbar übergangsweise auf seinem Balkon untergebracht habe. Andere bezichtigte sie wiederum harsch der Falschaussage. „Die lügt wie gedruckt“, schrieb sie unter einen Zeitungsartikel, als es mal wieder um die Frage des Erstbezugs ging.

Ein zehn Jahre alter Urlaubsschnappschuss aus dem Fotoalbum zweier Enkelinnen: Kim und Jill wagen sich mit Sissi in die Brandungswellen. Die Mädchen zieren sich, man hört sie förmlich quietschen. Die Welle bricht, das Wasser schäumt – und Sissi steht mit weit ausgebreiteten Armen und einer gewaltigen Stoffbadekappe mitten in der Brandung: unerschütterliche Galionsfigur unvergänglicher Jugend und rabulistischer Erzählkunst. Viel mehr als ’ne ganz patente Frau.

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