Wirtschaft : Lilo Hehner

(Geb. 1904)||„Das Alter hätte ich mir auch anders vorgestellt.“

Katja Füchsel

„Das Alter hätte ich mir auch anders vorgestellt.“ Lilo Hehner war 99, als sie sich entschloss, inkognito zu leben. „Heute wird um alles zu viel Brummbrumm gemacht“, sagte sie und flatterte mit der Hand, als wolle sie den Zeitgeist verscheuchen. Sie selbst hatte da ihre Memoiren geschrieben, ihr 100. Geburtstag stand bevor – und es graute ihr vorm überquellenden Briefkasten und dauerklingelndem Telefon. Deshalb stand auf ihrem Buch ihr Mädchenname, Lilo Hehner. Eigentlich hieß sie Lieselotte Laabs, nach ihrem geschiedenen Mann.

Das Aristokratische an ihr war nicht vererbt, doch es umgab Lilo Hehner, die zierliche Person mit den wasserblauen Augen, wie ein schweres Parfum. Sie lebte gern allein in ihrer Altbauwohnung unweit des Ku’damms, umgeben von ihrem schwarzen Flügel, der Vitrine der Großmutter, dem Gemälde Napoleons, den gebundenen Büchern und der Reiseschreibmaschine „Princess Standard“. Mit der führte Lilo Hehner ihre „große Korrespondenz“ mit den Freunden. Mit der Princess ging sie auch auf uneinsichtige Bürokraten los: „Der kriegt ’nen Brief von mir, den kann er sich hinter den Spiegel stecken!“ Von Frauen in Führungspositionen im Allgemeinen und Angela Merkel als Bundeskanzlerin im Besonderen hielt sie wenig. Alle ihre Freunde siezte Lilo Hehner.

Mit dem einen ist sie vor Kurzem nochmal im Zoo gewesen. Als Begleiter der ältesten Aktionärin kam er umsonst durchs Elefantentor, hatte dafür auf dem Rundgang aber wenig zu melden. Zuerst zu den Affen, dann zu den Zebras! In den Zwanzigern hat ein Affe der jungen Frau Hehner hier einmal den Hut vom Kopf gezogen. Danach sind alle Käfige verglast worden. Dem Zoo hat sie das meiste ihres Geldes vermacht.

Als sie in der Markgrafenstraße geboren wurde, regierte der Kaiser das Land, der Mittelstreifen des Ku’damms gehörte den Reitern. Den Theaterregisseur Max Reinhardt beleidigte sie schon als Sechsjährige – „Papa, wer war der Mann mit den Glubschaugen?“ –, mit Marlene Dietrich ging sie zur Schule – „ein zurückhaltendes Mädchen“ –, sie freundete sich mit den Söhnen von Außenminister Stresemann an, arbeitete an der Charité für Professor Sauerbruch, pflegte hier Hans Fallada kurz vor seinem Tod, lernte später Charlotte von Mahlsdorf kennen und beriet Corinna Harfouch für ihre Rolle der Eva Braun. „Mit klopfendem Herzen bin ich hergekommen, sehr gespannt und interessiert – jetzt bin ich dankbar und froh“, notierte die Schauspielerin der Hehner ins kiloschwere Gästebuch.

1929 fing sie in einem Pflegeamt an, wurde, was man heute Streetworkerin nennen würde. Sie kümmerte sich ums „Berliner Miljöh“, um Fabrikarbeiterinnen aus Prenzlauer Berg, um Huren und Homosexuelle. Als die Nazis das Amt 1933 schlossen, verlegte sich Lilo Hehner aufs Private: Sie reiste, erst mit dem Schiff nach New York, dann nach Meran, Verona und Sizilien.

Sie sagte immer, dass die Nazi-Zeit die schwärzeste in Berlin war, viel schlimmer als der Erste Weltkrieg, „in dem wir alle sehr gehungert haben“. Die ständige Angst, die Heimlichtuerei. Sie brachte in ihrem Haus Juden unter, bis ihr Mann es „zu recht“ verbot – es wurde zu gefährlich. 1944/45 arbeitete sie für Professor Sauerbruch, den Leiter der Chirurgie – „ein sehr lebendiger Mensch und immer in Eile“. Nach dem Krieg wurde sie ein zweites Mal Fürsorgerin – dieses Mal fürs Rote Kreuz. Eine Ehe, sie wurde in den fünfziger Jahren geschieden, reichte Lilo Hehner fürs ganze Leben. Mit 71 ging sie in Rente.

Ihren engsten Kreis, elf Herren, fünf Damen, hat Lilo Hehner zu ihrem 100. ins Hotel Brandenburger Hof geladen, zum kalten Buffet. Den 101. und 102. feierte sie zu Hause. Hier verlor sie später das Gleichgewicht, als sie einen Stecker aus der Dose ziehen wollte. „Das Alter hätte ich mir auch anders vorgestellt“, schimpfte die Patientin, als die Freunde sie im Krankenhaus besuchten. Lilo Hehner hatte nur ein paar Prellungen, doch kämpfen wollte sie jetzt nicht mehr. Sie starb im Franziskus-Krankenhaus, direkt gegenüber vom Zoo.

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