Wirtschaft : Linke Tasche, rechte Tasche

Endlich – 2004 sinken die Steuern. Doch die Entlastung ist für die meisten nur mäßig. Sie wird aufgefressen durch höhere Zuzahlungen, Gebühren oder teurere Bahntickets

Carsten Brönstrup

Endlich mehr Geld in der Tasche, endlich wieder Spaß beim Einkaufen, endlich Schluss mit dem Geiz: Bei dem ganz tief sitzenden Frust hatte die Bundesregierung die Leute packen wollen, als sie für das Vorziehen der Steuerreform die Werbetrommel rührte. Nun werden nach zähem Ringen im Vermittlungsausschuss die Steuern tatsächlich gesenkt – doch bei vielen Verbrauchern bleibt von der Entlastung kaum etwas übrig. „Das hätte man auch bleiben lassen können“, kommentierte Wolfgang Wiegard, Chef des Wirtschafts-Sachverständigenrats, das Ergebnis des Reformpokers lakonisch.

Denn die Steuerreform wird längst nicht das bringen, was die Bundesregierung seit Monaten versprochen hatte. Für einen gut verdienenden Single aus Berlin bleiben pro Monat nur 94,91 Euro übrig, eine vierköpfige Familie mit einem Verdiener findet sogar nur 65,78 Euro mehr in ihrer Haushaltskasse. Auf der anderen Seite stehen viele Belastungen durch Sozialreformen, vor allem bei der Gesundheit. Deshalb kommen auch die Rentner am schlechtesten weg: Sie haben von der Steuersenkung oft nichts, ihre Renten werden eingefroren, aber ihre Gesundheit macht ihnen zu schaffen und so müssen viele hohe Belastungen für Arztbesuche, Brillen oder Medikamente hinnehmen.

Um einmal zu zeigen, was die Reformen im kommenden Jahr wirklich bringen, haben eine Renterin aus Schöneberg, ein Single aus Charlottenburg und eine vierköpfige Familie aus Tegel ihre Einnahmen und Ausgaben aufgelistet – den Klavierunterricht für den Sohn, das Dosenfutter für den Hund, Zigaretten oder den Internetanschluss. Das Ergebnis: Unterm Strich bleibt von der Steuerentlastung kaum etwas übrig. Und die Rentnerin zahlt sogar drauf – mit Bezügen von 1210,98 Euro kommen auf sie 101,04 Euro Mehrbelastung zu.

Warum die Steuerreform nur wenig bringt? Zum einen wegen der Krankenkassenbeiträge. Viele Kassen senken die Beiträge gar nicht (wie bei der Techniker-Krankenkasse) oder nur geringfügig und mit Monaten Verspätung (wie bei der Barmer oder bei der AOK). Zum anderen haben viele nicht auf der Rechnung gehabt, dass auch die Beitragsbemessungsgrenzen in der Sozialversicherung steigen. Das dürfte Gutverdiener fünf Euro im Monat kosten. Den Rest besorgen kleine, aber in der Summe schmerzhafte Änderungen: 1,2 Cent Tabaksteuer pro Zigarette mehr, weniger Entfernungspauschale oder Eigenheimzulage, teurere Nahverkehrs-Tickets oder anziehende Benzinpreise.

Deshalb werden die Deutschen wohl auch 2004 das Geld zusammenhalten. „Nicht nur beim Konsum kann man sparen, sondern auch bei den monatlichen Nebenkosten“, sagt Bernd Huppertz von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Etwa in der Wohnung: Wer mit einer um ein Grad niedrigeren Raumtemperatur leben kann, spart zwölf Prozent der Heizkosten, hat die Allianz Dresdner Bauspar AG ausgerechnet. Auch Wasser aus der Leitung ist ein teurer Spaß. „Da hilft ein Durchflussbegrenzer am Wasserhahn“, sagt Huppertz.

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