Wirtschaft : Lisa Schneider

(Geb. 1926)||Sie trug immer die Kittelschürze. Auch beim Elternabend in der Schule.

Sarmina Ferhad

Sie trug immer die Kittelschürze. Auch beim Elternabend in der Schule. Borgsdorf bei Berlin, Anfang der vierziger Jahre: Lisa Schneider ist Mitglied im BDM. Da ist was los im Dorf: Tanz, Sport, Gemeinschaft. Die Schrecken des Krieges sind noch weit weg.

Im April 1945 wurde der Vater zum Volkssturm eingezogen. „Dann kamen die Russen nach Borgsdorf“, so geben Lisas Töchter den Bericht der Mutter wieder, „und verschleppten die Frauen der Familie, vergewaltigten sie und brachten sie zurück nach Hause.“ Lisas Mutter beschloss in ihrer Verzweiflung und Furcht vor den kommenden Schrecken zu sterben. Ihre beiden Töchter und die vierjährige Nichte sollten sie begleiten. Sie schnitten sich gegenseitig die Pulsadern auf. Anschließend hängten sie sich auf. Lisas Strick riss.

Sie sprach später kaum über das Ereignis. Es habe ja viele Selbstmorde in den letzten Kriegstagen gegeben, und wenn man einen Krieg verliere, sei das der Preis. Hass auf die Russen verspürte Lisa Schneider nicht. Nach der Vorhut, einfache Soldaten, kamen Offiziere und Ärzte nach Borgsdorf. Diese untersuchten die geschwächte junge Frau und stellten fest, dass sie schwanger war. Ihr wurde eine Ziege zugeteilt, und sie bekam Extrarationen. Im September brachte Lisa ihre erste Tochter zur Welt.

Kriegsflüchtlinge kamen nach Borgsdorf. Unter ihnen Lisas zukünftiger Ehemann, Herr Schneider. Sie heirateten, und bald kam das zweite Kind zur Welt. Lisa führte den Haushalt, ihr Mann arbeitete als Hilfsarbeiter im Westen. Nicht nur: Er verkaufte Buntmetall unter der Hand, wurde erwischt und inhaftiert. Ihm gelang es zu fliehen, er schnappte sich Frau und Tochter und ging in den Westen. Hier kamen die weiteren Kinder zur Welt. Zunächst wohnte die Familie in einer Dachkammer und schließlich in einer Eineinhalbzimmer-Wohnung in Wedding.

Herr Schneider arbeitete auf dem Bau und Lisa hatte die Hauswartstelle inne. Sie war zuständig für zehn Aufgänge, drei Hinterhöfe und fünf Heizungskessel. Die Töchter erinnern sich an die harte Arbeit im Winter, ständig musste die Schlacke weggetragen und Koks nachgelegt werden. Auch daran, dass zuweilen der Schupo um sieben in der Früh klingelte und mahnte: „Frau Schneider, es hat geschneit, gehen Sie mal raus fegen.“ Kein Wunder, dass sich die Töchter an ihre Mutter nur in der Kittelschürze erinnern. Mit der ging sie auch zum Elternabend in die Schule.

Lisa Schneider blieb Borgsdorf verbunden, ihr Vater lebte noch dort und auch ihre älteste Tochter Gisela. Die sollte die Mutter in Borgsdorf vertreten, half dem Großvater im Haushalt und ging dort zur Schule. So oft es ging, besuchte Lisa Schneider die beiden, unterwarf sich der Passierschein-Prozedur, reiste ein und aus über den Grenzübergang Bernauer Straße.

Seit 1978 arbeitete sie als Reinigungskraft bei C & A und im Postscheckamt. Nicht mehr Hauswartin zu sein, „das hat ihr gut getan, da ist sie mit den Kolleginnen auch mal weggegangen, frühstücken oder so“, erinnern sich die Töchter. Seitdem habe die Mutter auch erst eine Handtasche getragen. Vorher hatte sie nur einen Beutel dabei oder einen Shopper.

Der Tod ihres Mannes war schlimm für Lisa. Obwohl der, so sagen die Töchter, „ein Macho“ war und der Mutter das Leben schwer gemacht hatte. „Die Zähne zusammenbeißen“ – das war eine ihrer Grundhaltungen im Leben.

Nun blieben ihre sechs Kinder, die Enkel und Urenkel. Die hat sie bestrickt, ihnen Ratschläge erteilt, ihre weiten Reisen mit großer Sorge verfolgt – sie selbst war nur einmal kurz nach Helmstedt gereist. Als die Mikrowellen aufkamen, bestellte Lisa für jedes ihrer Kinder eine. Sich selbst hat sie einen kleinen Billardtisch angeschafft. Und sie sah gerne fern. Ihren beiden kinderlosen Töchtern sagte sie: „Ihr seid schlau. Nur für später müsst ihr euch was überlegen.“

Lisa Schneider wurde auf dem Borgsdorfer Friedhof neben ihrem Mann begraben. Ganz in der Nähe liegen ihre Mutter, die Schwester und die Nichte.

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