Wirtschaft : Lizenz zum Spinnen

International tätige Unternehmen tun viel für die Kreativität ihrer Mitarbeiter / Ausgeprägte Hierarchien engen eher ein

Katrin Terpitz (HB)
Tüfteln an der Zukunft. Auch BMW Foto: picture alliance / dpa
Tüfteln an der Zukunft. Auch BMWFoto: picture alliance / dpa

Düsseldorf - Auf der Jagd nach neuen Ideen geht Evonik eigene Wege. Der Essener Industriekonzern steckt seine Forscher für drei Jahre in spezielle Projekthäuser. In diesen „Forscher-WGs“ können die Experten aus verschiedenen Fachgebieten und Ländern dann in Ruhe über Aufgaben wie „Kleben auf Knopfdruck“ brüten. Acht solcher Projekthäuser hat Evonik bislang geschaffen. Herausgekommen sind Innovationen wie „Keramik von der Rolle“ – eine Membran, die Batterien vor Überhitzung schützt.

Ideen sind ein extrem flüchtiger Rohstoff. Deutschland gilt zwar als Land der Tüftler und Denker. Doch nur 17 Prozent der deutschen Manager halten die Unternehmen hier für besonders kreativ. Das ergab eine Umfrage der Akademie der Führungskräfte. Jeder fünfte meint: Deutsche Firmen sind eher unkreativ. In der Rangliste der innovativsten Unternehmen stellen laut „Bloomberg Businessweek“ amerikanische und asiatische Konzerne die Top Ten. Apple führt vor Google, Microsoft, IBM und Toyota. Erst auf Platz 15 und 18 folgen mit VW und BMW deutsche Konzerne. „In hoch kreativen Firmen wie Toyota oder Google ist Innovation eine Religion“, sagt Henning Patzner, Kreativmanager der Werbeagentur Serviceplan. Je verrückter eine Idee, desto besser. Die deutsche Gründlichkeit hingegen behindere Kreativität, erklärten viele der befragten Manager. Häufig sind kreative Mitarbeiter nicht einmal erwünscht. Ideenfindung ist Chefsache, darüber beklagt sich laut Umfrage der Beratung Iqudo jeder siebte Beschäftigte.

Anders ist das bei IBM. Dort herrscht einmal im Jahr für drei Tage kreatives Chaos. „Innovation Jam“ nennt der IT-Dienstleister das interaktive Massen- Brainstorming. Bis zu 150 000 Mitarbeiter, ihre Familien, Wissenschaftler und Kunden sitzen rund um den Globus am Bildschirm und spinnen an Ideen. Über 46 000 Vorschläge entstanden so zuletzt, beispielsweise ein firmeninternes Wikipedia. Am Schluss stimmen alle über die zehn besten Vorschläge ab. „In diese Ideen investiert IBM dann bis zu 100 Millionen Dollar“, sagt Peter Schütt, Leiter Software-Strategie. Hierarchien würden damit elegant umgangen. „Der Jam ist unsere globale Teeküche 2.0.“ Das Ergebnis: Mit knapp 5000 US-Patentanmeldungen lag IBM 2009 zum 17. Mal an der Weltspitze.

Japans Autobauer lassen die verrücktesten Prototypen entwickeln, Irrwege einkalkuliert. Die Tüftler von Toyota können ihren Spieltrieb an einem Geige spielenden Roboter austoben. Deutsche Fahrzeugbauer sind in der Forschung ebenfalls führend, doch die Lizenz zum Spinnen haben nur wenige Kreative. Bei Daimler werkelt eine Elitetruppe von 15 Entwicklern an der Mobilität von morgen. Sie ist ausgestattet mit einem satten Budget und direktem Zugang zum Vorstand. Ein Ergebnis: das Carsharing-Projekt Car2go. Die Ideenschmiede „Project i“ von BMW begann als Geheimprojekt und arbeitet heute mit etwa 200 Tüftlern. In drei Jahren soll das „Megacity Vehicle“, ein Elektro-Stadtauto aus Carbon, marktreif sein.

Am kreativsten sind Teams mit flachen Hierarchien. „Kreative Köpfe sind per se egozentrisch und wenig anpassungsfähig. In gleichgeschalteten Konzernen bewerben sie sich ungern“, sagt Oliver Gassmann, Professor für Innovation an der Universität St. Gallen. Dass kreative Mitarbeiter sich lohnen, zeigt die Deutsche Post: Der Konzern sparte zuletzt 256 Millionen Euro mit Verbesserungsvorschlägen der Belegschaft. Katrin Terpitz (HB)

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