Wirtschaft : Lockruf aus dem Osten

Betriebe in Tschechien, Polen und anderen neuen EU-Ländern suchen deutsche Gastarbeiter. Die ersten wagen das Abenteuer

Nils-Viktor Sorge

Düsseldorf - Ohnmächtig haben sie jahrelang mitangesehen, wie ihre Jobs in den Osten verschwanden, jetzt gehen die ersten Arbeitnehmer hinterher: Zwei Jahre nach der EU-Osterweiterung suchen Betriebe aus Tschechien, Polen und anderen Reformstaaten auch in Deutschland händeringend Arbeitskräfte. Gefragt sind nicht nur Führungskräfte in Anzug und Kostüm. Auch Arbeiter im Blaumann und einfache Angestellte wie Call-Center-Agenten trauen sich hinter den ehemaligen Eisernen Vorhang.

„Man ist ja quasi gezwungen, hierher zu gehen“, sagt Yves Ulitzka, Schlosser aus Sachsen-Anhalt. Im Prager Siemens-Werk baut er Drehgestelle für die neue Züricher S-Bahn um. Früher machte der 35-Jährige, dessen Familie im zweiten Weltkrieg vor den Russen aus Schlesien (heute Polen) flüchtete, fast den gleichen Job im mittlerweile geschlossenen Bombardier-Waggonbauwerk Halle-Ammendorf.

„Facharbeiter sind in Prag absolute Mangelware“, bestätigt Robert Neurauther von der Personalleasing-Firma Ur-Zeit, die für das tschechische Siemens-Waggonbauwerk über die Bundesagentur für Arbeit ständig Schlosser, Lackierer und Schweißer sucht. Derzeit bauen etwa 25 deutsche Leiharbeiter in dem Werk an der Doppelstock-S-Bahn mit. Sie sollen bis zu mehreren Jahren in Tschechien bleiben. Die Familie daheim besuchen sie alle paar Wochen.

Auch bei Zulieferern der tschechischen Automobilwerke von Skoda, Toyota und demnächst Hyundai eröffnen sich Chancen für Job-Suchende, die mit der Arbeitsplatzverlagerung nach Osten bislang eher Existenzängste verbanden. So sucht der nordrhein-westfälische Kunststoff-Beschichter Isoflock in Stellenanzeigen „dringend“ Lackierer für seinen Standort Liberec (Nordböhmen). „Keine Ausbildung und keine tschechischen Kenntnisse erforderlich“, heißt es darin. Ausgerechnet Werke deutscher Mutterkonzerne, die im Osten billig produzieren wollten, locken nun Bewerber aus der Bundesrepublik. Viele wurden überrascht von rasantem Wirtschaftswachstum und deutlich steigenden Löhnen – Entwicklungen, die sie mit ihren massiven Investitionen selbst beflügelten. „Wir kommen mit unseren Expansionsplänen in Tschechien nicht voran, weil Fachkräfte fehlen und immer teurer werden“, sagt Isoflock-Vorstand Göran Walter.

Eine Entwicklung, die den Chef des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Thomas Straubhaar, nicht überrascht. „Jetzt wiederholt sich, was schon bei der EU-Erweiterung um Spanien und Portugal passiert ist: Auch Facharbeiter wandern nicht mehr nur in eine Richtung, sondern in beide Richtungen“, sagt Straubhaar (siehe Interview).

Jobvermittler haben die West-Ost-Wanderung inzwischen als Geschäftsfeld entdeckt. „Wir erleben ein dramatisches Wachstum in dem Bereich“, sagt der Europa-Sprecher der Jobbörse Monster, Kai Deininger. Die Zahl der Angebote aus Polen für ein internationales Publikum habe sich von Anfang 2005 bis März dieses Jahres auf 3600 verdoppelt. Für Tschechien verbuchte Monster ein Plus von 40 Prozent auf knapp 8200 Angebote. Im Monster-Entwicklungszentrum am Prager Wenzelsplatz selbst arbeiten mittlerweile 300 Angestellte aus aller Welt, darunter sind zehn Deutsche.

Auch die Bundesagentur für Arbeit (BA) registriert den Boom im Osten. „Unsere Vermittler strecken ihre Fühler dorthin aus“, sagt Monika Varnhagen, Direktorin der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung der BA. Von Januar bis März 2006 vermittelte der BA-Europaservice 14 Fachkräfte nach Mittel- und Osteuropa und damit schon fast so viele wie 2005.

Noch schrecken viele Deutsche die Verdienstmöglichkeiten ab. Autoindustrie-Zulieferer Isoflock bietet externen Interessenten 620 Euro – im Monat. Die Prager Siemens-Leiharbeiter bekommen dagegen zunächst ein West-Gehalt von rund 1700 Euro. Für einen Anschlussvertrag bietet das Werk nach von Siemens nicht bestätigten Informationen einen örtlichen Tarif von gut 1000 Euro.

Immerhin: Während die Löhne in Deutschland stagnieren, steigen sie in Tschechien rasant. Bei einem Wirtschaftswachstum von fast sieben Prozent (2005) legten die Gehälter allein seit 2003 laut staatlicher Statistik jährlich um real 3,5 bis 6,5 Prozent zu. „Das Lohnniveau in der Region Prag nähert sich dem von Sachsen und Thüringen immer weiter an“, klagt Helmut Froböse, Personal-Chef des niedersächsischen Autozulieferers Schnellecke.

In Polen legten die Löhne zuletzt nicht ganz so üppig zu wie in Tschechien, der Slowakei oder den baltischen Staaten, auch wegen der mit fast 20 Prozent hohen Arbeitslosigkeit. Trotzdem gehen den Boom-Branchen auch beim östlichen Nachbarn die Mitarbeiter aus.

Auf Angebote der Tankstellen-Kette Apexim entlang der deutsch-polnischen Grenze bewarben sich seit Jahresbeginn fast 40 Deutsche, sagt Jacek Werner, der für die Firma Personal sucht. Derzeit arbeiten bereits sieben Deutsche an den Stationen, sie kommen überwiegend aus der Grenzregion. Werner will bald 20 Deutsche beschäftigen. Sogar aus Dortmund und Kassel haben sich Arbeitslose für die 1000-Euro-Jobs beworben.

Auch die Call Center haben den Osten entdeckt. Von Prag oder Warschau aus sollen Mitarbeiter deutschen Kunden erklären, wie sie ihre Waschmaschine anschließen. Sitel in Warschau bietet ein Anfangsgehalt von drei Euro pro Stunde. Einen jungen Mann habe die Firma schon gefunden, sagt eine Sprecherin. Er hat gefunden, was er in Deutschland vergeblich suchte: einen unbefristeten Arbeitsvertrag.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben