Wirtschaft : Lockruf aus South Dakota

Amerikanische Werber versuchen, Europas Bauern zu begeistern: Die aber fürchten Vulkane und Hagelschlag

Erin White,Leila Abeoud

Von Erin White

und Leila Abeoud

Der britische Landwirt Tom Whittaker denkt darüber nach, nach South Dakota auszuwandern, wo die Weiden grüner sein sollen. Aber er hat Angst vor Vulkanen. Obwohl er selbst noch nie in den USA war, hat er von einem „gigantischen Vulkan“ im Yellowstone Nationalpark gehört. Und nun fragt er sich, wie weit das wohl von South Dakota entfernt ist. Außerdem will er mehr über das Wetter wissen, bevor er seine Entscheidung trifft: „Stimmt es, dass man dort von Hagelkörnern in der Größe eines Tennisballes erschlagen werden kann?“

Whittaker ist einer von 60 Landwirten, die im ländlichen England, zweieinhalb Stunden nordwestlich von London, an einer Rekrutierungsveranstaltung des amerikanischen Bundesstaates South Dakota teilnehmen. Davisco Foods International baut dort in dem kleinen Ort Lake Norden (432 Einwohner) eine große Mozzarella-Fabrik. Die Fabrik braucht die Milch von 65000 Kühen, wenn die Produktion erst richtig läuft – weit mehr, als die Bauern in South Dakota liefern können. Also hat sich der Bundesstaat in Europa umgesehen, wo die Agrarkrise dazu geführt hat dass viele Bauern frustriert – und möglicherweise auswanderungswillig – sind.

Mit der Rekrutierung hat South Dakota vor drei Jahren Joop Bollen, einen 36jährigen Holländer, beauftragt, der mit seiner amerikanischen Frau vor zehn Jahren selbst nach South Dakota ausgewandert ist. Jetzt ist Bollen von Kanada bis zu den Niederlanden unterwegs. 13 Landwirte hat er schon für South Dakota gewinnen können. Der Staat geht aber davon aus, dass er noch mindestens 150 Familien braucht, die bereit sind, jeweils einen Milchviehbetrieb mit 500 Kühen aufzubauen. Deshlb reist Bollen jetzt in geheimer Mission durch England.

Die Rekrutierung von Einwanderern hat eine lange Tradition: Bereits während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hat South Dakota Tausende von Immigranten aus Großbritannien, Skandinavien, den Niederlanden, Deutschland und Rußland angeworben, indem es Land und Reichtum in Aussicht stellte. Harte Wetterbedingungen und Einsamkeit vertrieben jedoch viele der Neuankömmlinge wieder.

An einem Donnerstagabend im Versammlungsraum des Golfklubs im britischen Dorf Tarporley: Geduldig erklärt Bollen, dass South Dakota nicht eine einzige, dem Schnee und heftigen Stürmen ausgesetzte Wildnis ist. Ohnehin gehe es um das östliche South Dakota und nicht um den Rest des Landes. Und jedermann wisse, dass der Osten dichter besiedelt sei als der Rest des Staates, in dem insgesamt 755000 Menschen leben.

Mit South Dakota sei es wie mit Flitterwochen, sagt Bollen, und er klingt richtig überzeugt, wie er das sagt: „Alles an South Dakota ist phantastisch, zuerst. Dann aber werden Sie durch ein Stadium gehen, in dem Sie jeden erschießen möchten." Zugegeben, die Winter könnten sehr kalt werden. Doch die sonnige, trockene Kälte sei überhaupt kein bisschen mit der feuchten Kälte in England vergleichbar, „sie ist sogar ganz schön". Die Menge lacht. Bollen versucht es noch mal: „Das Klima ist gut für Kühe.“

Ein Mann fragt geradeheraus: „Wie weit werden wir von der Zivilisation entfernt sein?" Das ist eine gute Frage. In dem Land, das die britischen Bauern erwartet, erstreckt sich der große Himmel über flaches Land, mit vereinzelten Bäumen. Die neuen Siedler würden sich wahrscheinlich entlang des Highway 29 niederlassen, meint Bollen. Diese Straße führe von der Stadt Sioux Falls, die mit 140.000 Einwohnern die Metropole South Dakotas ist, durch Getreide- und Sojabohnenfelder nach Norden. Alle paar Meilen tauchen rote Scheunen und stabile Häuser auf. Im Winter gebe es hübsche Abwechslungen in der Einsamkeit, versichert Bollen: Die Einheimischen führen in Schneemobilen umher. Oder sie gehen zum Eisfischen.

Die Isolation hat der Holländerin Nicolien Hammink, die vor sieben Jahren mit ihrem Mann Wim einen Hof in der Nähe von Brookings in South Dakota erworben hat, zunächst sehr zugesetzt. Auch die Angewohnheiten ihrer Nachbarn fand sie oft seltsam. So war sie total überrascht, als die Gäste bei der ersten Party, die sie gab, Essen mitbrachten. Hinterher packten sie die Reste ein und nahmen sie mit nach Hause. „In Holland lässt man das Essen da“, sagt sie. „Aber so wie sie es machen, ist es gar nicht so schlecht. Wenigstens muss ich dann nicht das ganze Geschirr abwaschen.“ Andererseits ist South Dakota ein tolles Land, um Milchvieh zu halten, findet sie. Das Futter ist billig, Mist und Gülle sind leicht zu beseitigen und es gibt keine Städte oder Vorstädte, die immer näher an die Betriebe wachsen und die Bodenpreise in die Höhe treiben. Außerdem gibt es vor Ort Bedarf an Milch, so dass keine Transportkosten anfallen.

Aber die soziale Eingliederung kann sehr schwer sein. Vor zwei Jahren zog das junge holländische Paar Andre und Flor Meiers nach Bancroft in South Dakota, das 20 Einwohner hat und baute einen Milchviehbetrieb mit 200 Kühen auf. Frau Meiers, die Arbeitsplatz und Familie in einer städtischen Gegend in Holland verlassen hatte, kämpfte mit Heimweh. „Es gibt keine Geschäfte, gar nichts." Aber: Die Hamminks bezahlten weniger als 2500 US-Dollar pro Hektar, als sie vor sieben Jahren Land für ihren Betrieb mit jetzt 1000 Kühen kauften. Der Landpreis ist seitdem auf fast 4000 Dollar pro Hektar gestiegen, aber das ist immer noch weitaus günstiger als in Holland, wo ein Hektar Land umgerechnet zwischen 25000 und 40000 Dollar kostet. Außerdem unterstützt der Staat die Einwanderer bei der Finanzierung.

Und: Sie werden gemocht, die Neubauern von South Dakota . Während sie sich in Europa an den Rand gedrängt und ungeliebt fühlen, wird ihre Arbeit in South Dakota respektiert. Das sorge für ein völlig neues Selbstwertgefühl, sagen die Ausgewanderten.

In England ist der 37jährige Milchbauer Jeff Lester schon fast überzeugt. Die sinkenden Milchpreise haben die Gewinne verringert und Lester sorgt sich um die Zukunft seiner Frau und seiner drei Kinder. Er dachte an Frankreich, hatte aber Angst davor, die bürokratischen Angelegenheiten in einer fremden Sprache abwickeln zu müssen. South Dakota sei zwar weiter weg, sinniert er. Aber da habe er wohl kein Problem mit der Sprache.

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