Wirtschaft : „Löhne nicht diktieren“

DGB-Chef Sommer droht mit „Häuserkampf“, falls Tarife demnächst im Betrieb verhandelt werden

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Herr Sommer, fürchten Sie sich vor einer Kanzlerin Angela Merkel?

Ich mache mir Sorgen um die Arbeitnehmer und ihre Rechte, wenn ich mir die Programmatik der CDU und vor allem der FDP anschaue. Von sozialer Ausgewogenheit kann ich wenig erkennen. Westerwelle gibt ganz offen zu, dass er die Gewerkschaften einen Kopf kürzer machen will. Und Frau Merkel bekennt, dass sie mit den Zielen der FDP weitgehend übereinstimmt.

Wäre Rot-Grün aus Sicht der Gewerkschaften das geringere Übel?

Wir geben keine Wahlempfehlung ab. Sondern wir werden im Wahlkampf Partei für die Arbeitnehmer ergreifen.

Die Union will den Kündigungsschutz lockern. Was verändert sich dadurch?

Damit würde der soziale Schutz vor Kündigungen beinahe vollständig abgeschafft. In 90 Prozent der Betriebe würde dann kein Kündigungsschutz mehr gelten. Heute sind es nur 60 Prozent. Damit wären acht Millionen Menschen ohne Schutz gegen Willkür am Arbeitsplatz.

Mit betrieblichen Bündnissen sollen außerdem die Betriebsräte gestärkt werden.

Stellen sie sich mal vor, Union und FDP würden Kaufverträge behandeln wie Tarifverträge. So, dass der Käufer nach der Lieferung sagen könnte, er zahlt nur 80 Prozent des vereinbarten Kaufpreises. Das zeigt doch eines ganz klar: Die geplante Reform würde in Wahrheit das Erpressungspotenzial der Arbeitgeber gegen die Beschäftigten stärken. Gewerkschaften und Betriebsräte würden sich ohne Zweifel auf die neue Lage einstellen. Sollte die Lohnfindung in die Betriebe verlagert werden, würden die Gewerkschaften zum „Häuserkampf“ übergehen. Und: Jede einzelne Beschäftigtengruppe wird versuchen, möglichst viel für sich auszuhandeln. Die Arbeitgeber werden die Löhne nicht diktieren können, auch wenn Arbeitnehmer in der Wirtschaftskrise erpressbar sind.

Wie werden sich Löhne und Gehälter nach der moderaten Lohnpolitik in den nächsten Jahren entwickeln?

Ich erwarte, dass die Zeit der Zurückhaltung vorbei ist. Auch Forderungen aus der Union nach Streichung der Steuerfreiheit für Sonn-, Nacht- und Feiertagszuschläge werden Folgen für die Tarifpolitik haben. Die damit verursachte mutwillige Lohnkürzung werden Schichtarbeiter und Angestellte sich nicht gefallen lassen. Unser Ziel muss es sein, die Kaufkraft der Arbeitnehmer wieder zu stärken. Es ist doch eine Milchmädchenrechnung, dass die Leute weniger verdienen, aber mehr ausgeben sollen.

Die Union hat eine ihrer Forderungen aufgegriffen: Ältere Arbeitslose sollen länger Arbeitslosengeld I erhalten.

Es ist gut, dass SPD und Union sich der Realität zuwenden, was die von ihnen beschlossene Reform angeht. Es kann nicht sein, das Menschen 30 Jahre in die Arbeitslosenversicherung einzahlen und nach einem Jahr in die Armut abgeschoben werden. Wir brauchen ein vernünftiges Verhältnis von Beitragszahlung und Leistung. Wenn die Union bereit ist, sich zu korrigieren, ist das gut.

Das Interview führte Cordula Eubel.

Michael Sommer (53) ist seit 2002 Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Auch wenn der Gewerkschafter SPD-Mitglied ist, will er keine Wahlempfehlung abgeben.

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