Wirtschaft : Lokführer bringen Autoindustrie in Bedrängnis

Durch den Streik drohen bei VW und Porsche Kurzarbeit und Produktionsstopps / GDL droht mit Stillstand im Personenverkehr

Carsten Brönstrup

Berlin - Durch den Streik der Lokführer könnte es bereits am Freitag in der Autoindustrie zu Produktionsstopps und Kurzarbeit kommen. Vor allem Porsche und Volkswagen sahen sich betroffen. Bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe waren nach Angaben der Deutschen Bahn am Donnerstag 300 Güterzüge ausgefallen. Die Lokführergewerkschaft GDL drohte mit Streiks im Personenverkehr für kommende Woche, sollte der Konzern bis zum Ende des Ausstands am Samstagmorgen kein neues Angebot vorlegen. „Es kann sein, dass wir schon an diesem Freitag darüber entscheiden“, sagte GDL-Chef Manfred Schell.

Bis zum Abend waren der Bahn zufolge von den 5400 Lokführern noch zwei Drittel im Dienst. Um Verspätungen und Zugausfälle zu vermeiden, versuchte die Gütersparte Railion, möglichst viele Beamte einzusetzen. Zudem sollen tschechische Lokführer beschäftigt werden. „Vorrangig ist die Versorgung von Kraftwerken, Seehäfen und anderen zentralen Industriebetrieben“, sagte Logistik-Chef Norbert Bensel. An normalen Tagen fährt Railion 5000 Züge. Auf den Personenverkehr hatte der Streik zunächst keine Auswirkung.

Mit den Kunden stimme man laufend ab, welche Züge besonders wichtig seien und vorrangig fahren müssten, sagte Bensel. Gleichzeitig warnte er vor Lieferproblemen für die Wirtschaft. „Die Gewerkschaft setzt den guten Ruf Deutschlands als Exportnation Nummer eins aufs Spiel und sie gefährdet bewusst Arbeitsplätze.“ Zugleich schloss er ein neues Angebot „auf absehbare Zeit“ aus. Die Lokführer verlangen einen eigenständigen Tarifvertrag und bis zu 31 Prozent mehr Geld.

GDL-Chef Schell erklärte: „Die Arbeitskämpfe sind gut angelaufen.“ Die meisten Güterzüge führen erst am Abend und in der Nacht. „Die große Welle wird sich erst später auftürmen“, sagte Hans-Joachim Kernchen, Bezirkschef in Berlin, Brandenburg und Sachsen, dieser Zeitung. Kraftwerke, Autofirmen und andere Industriebetriebe in der Region würden sicherlich Probleme bekommen. In den Güterbahnhöfen würden sich die Züge stauen. Der Schwerpunkt des Arbeitskampfes liege im Osten. Die wichtigsten Verteilzentren für Railion sind gleichwohl Hamburg, Mannheim und Köln.

Der Streik stellt vor allem die Autoindustrie vor Probleme, die nur über geringe Lagerkapazitäten verfügt. Ein Porsche-Sprecher sagte, man hoffe, dass die Belieferung mit Teilen am Freitag funktioniere. Falls nicht, müsse die Produktion in Lepizig heruntergefahren und die Belegschaft nach Hause geschickt werden. VW informierte seine Beschäftigten über Kurzarbeit als mögliche Streikfolge. „Aber wir haben keine Kurzarbeit angemeldet“, sagte ein Sprecher. Eine Woche lang werde man einen Arbeitskampf sicher nicht durchhalten. Die neun deutschen VW-Werke werden am Tag von 30 Güterzügen angefahren.

BMW und Daimler haben sich wie andere Großbetriebe mit Notfallplänen gewappnet. Ein BMW-Sprecher sagte: „Im schlimmsten Fall kann es zu einem Produktionsstillstand führen, wenn Neuwagen nicht mehr abtransportiert werden. Man kann die Autos ja nicht stapeln.“ Einige Tage aber seien zu überbrücken. Dem Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik zufolge haben 22 Prozent der Firmen, die per Bahn versorgt werden, keine Reserven. Ein Viertel könne nur einen Tag überbrücken.

In den deutschen Seehäfen war die Lage noch relativ entspannt. „Wir gehen davon aus, dass wir einen Tag gut puffern können“, sagte eine Sprecherin der Hamburger Hafengesellschaft. Der größte deutsche Binnenhafen in Duisburg rechnet durch den Streik mit einem Millionenschaden. Der Rostocker Hafen soll nach GDL-Angaben ein Schwerpunkt des Streiks sein. 90 Prozent der Lokführer im Hafen seien in der GDL organisiert.

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