Lokführer : "Ein Traumjob ist das nicht mehr"

Wechselnde Arbeitszeiten, viel Verantwortung - Lokführer klagen über enge Dienstpläne.

Carsten Brönstrup

Hinter Falkensee wird es beinahe gemütlich. Der Tacho überspringt die Marke von 160 Kilometern pro Stunde, doch nur ein leises Rauschen zeugt davon, dass ICE 1614 mit Rennwagentempo unterwegs ist. Frank Budach lehnt sich zurück und lässt sich von dem gefederten Drehsessel schaukeln. „Ab jetzt hat der Computer die Regie übernommen“, sagt er. „Sonst hätte ich eine Menge Stress.“

Budach ist Lokführer und steuert seinen Zug durch die Tiefebenen Brandenburgs und Mecklenburgs. Um 10 Uhr 18 ist er am Berliner Hauptbahnhof losgefahren, um 11 Uhr 54 muss er in Hamburg sein, jede Sekunde zählt. Seit 50 Jahren ist er bei der Bahn, 44 davon Führerstand. Bis 1984 fuhr er eine Dampflok, nach der Wende stieg er 1993 in den damals supermodernen ICE. In einem Dreivierteljahr beginnt die Rente. „Dann reicht es auch.“ In den Waggons hinter ihm ist Platz für 383 Menschen, der ICE mit Neigetechnik kostet 15 Millionen Euro.

Der 64-Jährige ist in einer Zeit Lokführer geworden, als noch jeder kleine Junge von der Eisenbahn träumte. Auch sein Vater hatte diesen Beruf. Zu Beginn, als Heizer, musste Budach noch Kohlen in den Kessel schaufeln. Heute sitzt er vor zwei kleinen Bildschirmen mit lauter Abkürzungen und Zahlen, zwei Dutzend Knöpfen und Schaltern, einem Telefon. Das ist alles. Trotz der schlichten Optik ist der Zug vollgestopft mit Elektronik, die Software steuert alles, vom Schließen der Türen bis hin zur Notbremsung. Das wichtigste Instrument ist ein kleiner Hebel, den Budach fast ständig umklammert. „Quasi das Gaspedal“, erklärt er. Immer wieder drückt er zudem ein breites graues Fußpedal. Das ist der „Sifa“, der Sicherheitsfahrschalter. Er soll verhindern, dass ein Lokführer einnickt. „Sifa, Sifa“, plärrt eine Frauenstimme, wenn der es einmal vergisst. Reagiert Budach auch dann noch nicht, bremst der Zug automatisch. Die viele Technik stört ihn nicht. „Wir sind ja hier flott unterwegs, es kann immer etwas passieren.“

230 Kilometer ist der ICE nun schnell, nur die Glastür zum Abteil scheppert leise. Draußen rauschen nun Bäume, Brücken und Dörfer vorüber. Davon nimmt er nur wenig wahr. „Man bekommt einen Tunnelblick.“ Die Anspannung der vielen Jahre sieht man Budach nicht an, um seinen Mund spielt stets ein leises Lächeln. Obwohl schon ein größerer Ast einem Zug beträchtlich schaden kann. „Wenn es nach mir ginge, käme das alles runter“, sagt er und deutet auf die Büsche und Bäume entlang der Strecke. Statistisch gesehen überfährt jeder Lokführer in seinem Berufsleben einen Selbstmörder. Auch Budach ist das schon passiert. Reden mag er darüber nicht, seine Miene vereist, wenn man ihn danach fragt. Bis so ein ICE zum Stehen kommt, braucht es anderthalb Kilometer.

Budach mag den Job, doch über die Jahre musste er sich immer wieder an Neues gewöhnen. Neue Loks, neue Technik, neue Vorschriften. Sogar eine Strom sparende Fahrweise verlangt die Bahn. „Nachts, morgens, am Wochenende“ sagt er auf die Frage nach seiner Arbeitszeit. Heute ist er um halb vier aufgestanden. „Früher waren die Dienstpläne nicht so eng, heute wird überall mit spitzem Bleistift gerechnet. Ein Traumjob ist das nicht mehr.“ Reich wird ein Lokführer nicht. 1500 Euro netto seien es im Monat, sagt die Gewerkschaft, 2100 netto, sagt die Bahn, wenn man alle Prämien mitzähle.

Pünktlichkeit gehört zur Eisenbahnerehre, dafür gibt es keine Zulagen. Budach ist heute fast 30 Sekunden früher in Hamburg, als es der Fahrplan vorschreibt. Dort ist Endstation, für heute ist Feierabend. Am nächsten Morgen geht es wieder nach Leipzig. 

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