Lokführerstreik : Kampf in der eigenen Klasse

Lokführer, Ärzte und Piloten sind in ihren Bereichen eine spezialisierte Minderheit, die mit geringem Streikaufwand viel erreichen kann. Doch die Egoisten denken zu kurz - das Prinizip der Tarifeinheit liegt im Interesse aller Beteiligten.

Ein Kommentar von Alfons Frese
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Streikende Lokführer der Deutschen Bahn. -Foto: ddp

Das Pfeifen im Walde kam am Freitag aus Leipzig. „Wir können die Welt verändern“, rief Verdi-Chef Frank Bsirske dort den 1000 Delegierten seiner Gewerkschaft zu. Dieser Mutmacher kam am Ende einer Rede, mit der Bsirske die gewerkschaftlichen Handlungsfelder der nächsten Jahre abschritt. Zu Beginn hatte er sich dem aktuellen Geschehen bei der Bahn gewidmet und dabei den Kollegen Lokführern eins übergezogen. „Nicht Egoismus, sondern Solidarität prägt unser Handeln.“ Die Egoisten sind die Lokführer. So wie zuvor schon die Piloten, Fluglotsen oder Ärzte, die Tarifgemeinschaften verlassen und eigene Verträge ausgehandelt hatten. Das ist riskant, weil dann auch Gewerkschaften gegeneinander antreten und um Mitglieder werben. Weil dann Bsirske und die anderen Freunde der Einheitsgewerkschaften statt Klassenkampf den Kampf in der eigenen Klasse befürchten.

Bei der Bahn ist das zu beobachten. Es geht nämlich nicht nur um das Einkommen der Lokführer. Vielmehr kabbeln sich drei Gewerkschaften um die Bahnbeschäftigten, und der Konflikt untereinander erschwert die Kompromissfindung enorm. Bahn-Chef Hartmut Mehdorn hat womöglich geglaubt, er kommt besser weg, wenn die Gewerkschaften sich vor allem mit sich selbst beschäftigen. Inzwischen weiß er, wie sehr die zähe Tarifauseinandersetzung die Kunden schmerzt. Und damit auch der Bahn schadet – viel mehr als ein Lohnprozent am Ende einer fairen Verhandlung.

Lokführer, Ärzte und Piloten haben Gemeinsamkeiten. Sie sind in ihren Bereichen – Bahn, Fluggesellschaften, Krankenhäuser – eine spezialisierte Minderheit mit hoher Verantwortung. Und großem Schadenspotenzial: Mit geringem Streikaufwand können diese Berufsgruppen viel erreichen. Jedenfalls mehr, als wenn Sie in einer Tarifgemeinschaft – im Beispiel also mit Zugbegleitern, Stewardessen oder Krankenpflegern – einen Tarifvertrag für alle aushandeln. Ihre Stärke ist den Spezialistengruppen zunehmend bewusst geworden; vermutlich parallel zu dem Verdruss über Tarifabschlüsse der Vergangenheit, bei denen sie sich nicht angemessen berücksichtigt sahen.

Die Egoisten verhalten sich also rational und denken dennoch zu kurz. Der „Wumm“, wie Bsirske sagt, in der Auseinandersetzung mit den Arbeitgebern um Einkommen und Arbeitszeit, Urlaubsdauer und Weiterbildung ist eben größer, wenn Berufsgruppen im Verbund auftreten. Hierzulande sind wir gut damit gefahren. Es muss überhaupt nicht über einen Kamm geschoren werden. Vielmehr geht es darum, die verschiedenen Tätigkeiten und Berufe in differenzierte Entgeltgruppen zu sortieren und entsprechend zu honorieren. Zum Zwecke des Betriebsfriedens aber ist an dem Prinzip der Tarifeinheit festzuhalten: Im Betrieb gilt nur ein Tarifvertrag.

Das liegt im Interesse aller Beteiligten, auch der Arbeitgeber. Deren Präsident Dieter Hundt hat Angst vor Dauerstreiks und ruft schon nach der Politik für den Fall, dass sich die Gewerkschaften weiter zersplittern. Um den Flächentarifvertrag zu erhalten, müsse der Gesetzgeber quasi vorschreiben, dass nur ein Tarif im Betrieb gilt, meint Hundt. Gewissermaßen gemeinsam mit Bsirske singt der Arbeitgeberpräsident das Hohelied des Flächentarifs. Womöglich zu spät. Aber vielleicht schaffen es ja Arbeitgeber und Gewerkschaften gemeinsam, dieses bewährte Instrument der Konfliktregulierung zwischen den Klassen zu stabilisieren. Es wäre gut für den Standort Deutschland. Und für die Bahnfahrer.

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