Wirtschaft : Lola Vlatkovik

Geb. 1927

David Ensikat

Sie hatten doch überall ihre Freunde. Nicht nur in Serbien. Das Fenster zur Welt war sie. Organisatorin, Übersetzerin natürlich, Gastgeberin, Meisterköchin und Lektorin. Er, ihr Mann Bora Kosik, schrieb die Bücher und Artikel, sie kümmerte sich um den Rest. Sie sprach die Sprache der neuen Heimat besser als er, sie lud die Freunde und Bekannten ein, sie bekochte und unterhielt die Gäste, sie las seine Texte als Erste, sagte ihre Meinung, sie brütete mit Lektorin und Übersetzerin über seinen verschachtelten Sätzen, während er längst Neues fabrizierte oder gelangweilt aus dem Fenster sah.

Er, der berühmte Autor. Sie – die Frau, die dient? Das Mädchen für alles? Alles war sie, doch kein Mädchen. Und eine Dienerin schon gar nicht.

In jungen Jahren, in einem Alter, in dem andere noch Mädchen sind, da begehrte sie schon auf. Es war in Belgrad, das Land war von den Deutschen besetzt, viele kollaborierten. Da begann sie, die junge Serbin, Russisch zu lernen, die Sprache der Kriegsfeinde. Ihre Eltern hatten eine französische Gouvernante angestellt, Lola sollte eine weltgewandte Dame werden. Aber Russisch lernen? Natürlich Russisch! Die Sprache der Revolution wollte sie lernen.

Als sie sie beherrschte, hatten sich die Zeiten geändert, die sozialistische Revolution war inzwischen offizielle jugoslawische Staatsdoktrin. Also interessierte sich Lola Vlatkovik für die moderne russische Literatur, die mit keiner Staatsdoktrin zu tun hatte. Texte, die in der Sowjetunion verboten waren, übersetzte sie ins Jugoslawische.

Mit Bora Kosik, ihrem späteren Mann, arbeitete sie an einer großen Anthologie russischer Gedichte zusammen, und sie stritt sich mit ihm sehr. Er mochte der literarisch Versiertere sein. Aber besser Russisch sprach nun einmal sie. Ende der fünfziger Jahre hatten die beiden sich kennen gelernt, Mitte der sechziger waren sie ein Paar.

Die sechziger Jahre, neue Literatur, Hippie, Beat, eine aufregende Zeit, auch hier, im Sozialismus jugoslawischer Prägung. Hier war man freier als in den anderen osteuropäischen Ländern. Dass sie fünf Jahre älter war als er, das hatte dennoch etwas irgendwie Anrüchiges, das hielten sie geheim.

Dass sie beide unter Schlaflosigkeit litten, das erfuhr hingegen jeder, der wissen wollte, wie es zu Bora Kosiks berühmtesten Buch gekommen war, „Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution“. Er hatte ihr in schlaflosen Nächten erzählt, was seiner Familie in den vierziger Jahren zugestoßen war, und sie konnte nicht aufhören zu lachen. Schließlich fiel ihr es ein, wie er aus dem Episodenchaos ein kleines Buch machen konnte.

In den siebziger und achtziger Jahren war sie es, die das Geld verdiente. Beim serbischen Fernsehen war Lola Vlatkovik für die Kindersendungen verantwortlich und verdiente gut. Ihr Mann war in Ungnade gefallen und konnte lange Zeit nichts veröffentlichen.

Da waren es die Mächtigen im Lande, die den Kosiks das Leben schwer machten, doch die Mächtigen änderten auch wieder ihre Meinung. In den Achtzigern wurde Bora Kosik zum angesehenen Schriftsteller. Als gegen Ende der achtziger Jahre aber die nationalistischen Töne in Jugoslawien laut wurden, waren das nicht allein die Mächtigen, die man lästig finden, auf deren Ablösung man aber auch hoffen konnte. Auf einmal waren da auch Kollegen und ehemalige Freunde, Philosophen, Dichter, Regisseure, die einem Wahn verfielen, den die Kosiks zunächst ungläubig und dann immer angewiderter zur Kenntnis nahmen. Großserbien, wer konnte so was wollen? Hilf- und hoffnungslos sahen sie zu, wie die liberale Welt um sie herum zerbröselte, wie ihre Heimat auseinander brach und sich Leute die Köpfe einschlugen, weil ihre Vorfahren aus unterschiedlichen Landesteilen stammten. Die Kosiks hatten doch überall ihre Freunde gehabt, nicht nur in Serbien.

Seit Beginn der Neunziger verbrachten sie immer mehr Zeit in ihrem Sommerhaus im Norden von Kroatien, während in Belgrad die Stimmung immer trüber wurde. 1998 verließen sie ihre Heimat vollends. Sie zogen nach Berlin. Hier hatte Bora Kosik ein paar Jahre zuvor ein Stipendium gehabt, hier gab es eine große jugoslawische Gemeinde, hier gab es Kultur im Übermaß. Die Kosiks hatten das Zusammenbrechen einer Kultur erlebt; nun nahmen sie die neuen Angebote so dankbar an, wie es die Gewöhnten kaum vermögen.

Es war nicht so, dass hier ein großer Freundeskreis auf sie gewartet hätte. Aber Lola Vlatkovik war eine Frau, die die Dinge in die Hand nahm. Die deutsche Sprache? Kein Problem, es gab noch einen Restbestand an Schulbildung, ein wunderbares altmodisches Deutsch, sehr schnell ergänzt mit allem, was die gesellige Intellektuelle braucht. Während ihr Mann, der den Bruch mit der südslawischen Heimat viel rigoroser betrieben hatte, sich mit der neuen Sprache schwer tat, übertrug die Sprachgewandte sogar ihre bissige Ironie sehr schnell ins Deutsche.

Also war sie diejenige, die die Kontakte herstellte, die die Leute einlud und sie blendend unterhielt. Ihr Mann war der Bekannte, der produktive Schriftsteller. Sie war die Außenministerin, das Fenster zur Welt.

Lola Vlatkovik ist an einem Gehirntumor gestorben, es ging sehr schnell. Begraben wurde sie auf dem Russischen Friedhof in Berlin-Tegel, eintausend Kilometer von ihrer Heimat entfernt.

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