Wirtschaft : Lole Gessler

Geb. 1960

Gregor Eisenhauer

Tänzer werden nicht alt. Sie werden müde, irgendwann Es wird so viel geredet. Als ob die Stille etwas wä- re, das wir fürchten müssen. Oder die Leere. „Wir brauchen nicht die Stille zu fürchten. Wir können sie lieben.“ Denn sie ist der Quellgrund der Musik. Und auch die Leere des Raums ist nichts, wovor wir uns ängstigen müssen. Sie ist die Aufforderung zum Tanz.

„Silence“ von John Cage. Das war sein Stück. Ein Vortrag eigentlich, ein Sprechgesang, im Gehen zu rezitieren: „Ich bin hier, und es gibt nichts zu sagen. Wenn unter Ihnen die sind, die irgendwo hingelangen möchten, sollen sie gehen…“

Tänzer gehen nicht, sie drehen sich im Kreis, denken jene, die nach Lösungen suchen und immer unterwegs sind.

Dabei ist die Frage aller Fragen längst beantwortet. Wer wie Lole mit den Anhaltern der Galaxis unterwegs war, weiß das sehr genau. Die Antwort auf die Frage aller Fragen, nach dem Sinn des Lebens und dem ganzen Rest ist: 42. Und sie ist so gut wie jede andere Antwort.

Denn der Kosmos ist ein Tohuwabohu, ein Spiel des Zufalls, das man im Alltag nachspielen kann: Der eine Hausbewohner stellt die Heizung im Treppenaufgang auf zwei, Lole stellte sie wieder auf vier. Tag für Tag, ohne dass die beiden sich je begegnet wären.

Gewohnheit, Ritual. Der Zufall rhythmisiert das Leben? Also sollte man ihm vertrauen. Die Dinge, die man findet, sind es wert gefunden zu werden. Alte Dinge mit Gebrauchsspuren. Keinen neuwertigen Schrott kaufen. Lieber gar nichts.

Überall installierte er Altäre für seine Fundstücke. Arrangements aus Farben, Tönen, Schritten. Sein Sinnbild, das Mobile, gebastelt aus Zetteln, darauf Worte wie Glück oder Herz, die die Luft bewegt.

Denn auch in der Liebe drehen wir uns im Kreis, vertrauen dem Zufall. Menschen, die man trifft, sind es wert, geliebt zu werden. Alle. Tanz ist die rasche Abfolge von Partnern – denen man treu bleibt. Lole war maßlos im Genießen, nicht exzessiv, sondern ausdauernd und lustvoll. Logisch: Sex ist schön. Also muss man es vierundzwanzig Stunden machen.

Oder einfach ganz innehalten. Lole war auch Zen-Buddhist, hatte sich zum Mönch weihen lassen. Atmen. Sein, der man ist. Loslassen. Dinge machen, von denen wir nicht wissen, was es wird. In der Annahme, es gebe einen Rhythmus.

Bali war sein Reiseland. In Berlin ist er nachts weinend aufgewacht, weil er sich zurücksehnte nach Asien. Selbst nach den lauten Orten. Im dichtesten Verkehrsgewühl sich hinlegen und schlafen. Auf die Stille hören. Sich von dem Trubel der anderen verabschieden – das konnte er im fernen Osten besser als anderswo.

Lole. Der selbst gewählte Name ist Losung. Mann und Frau zugleich. Er war nicht schwul. Er war nicht Hetero. Er war beides, mit gleicher Selbstverständlichkeit. Vegetarier und Fleischesser.

Die guten Seiten der Kunst, und die schlechten: Tänzer sein heißt, meist von Gelegenheitsjobs leben, wenig Geld haben, auf sich allein gestellt sein.

Er schrieb eigene Stücke. Hatte viele Auftritte. Nicht die ganz großen Häuser. Aber es war Publikum da. Nur leben konnte er davon nicht.

Der Aufbruch der Achtziger – das war ein kurze Illusion. Die Neunziger brachten die Lethargie, die falschen Gefühle: Tango für Theatraliker und paarungsgehemmte Tanzschüler. Das war nicht Loles Idee von Tanz, von Performance.

Tanzen ist: Verstellungen vergessen machen und sich von der falschen Welt verabschieden. Sich mit Aplomb verabschieden, wenn man weiß, dass die Zeit um ist. Für ihn war selbst das Krankenzimmer Bühne. Da war er einer aus dem Gefolge Zarathustras, Nietzsches großem Lebenskünstler, der den anderen Seiltänzern über den Abgrund des Lebens mit großer Geste und kleinem Lächeln vorausging: „Verloren sei uns der Tag, an dem nicht ein Mal getanzt wurde! Und falsch heiße uns jede Wahrheit, bei der es nicht ein Gelächter gab!“

Tänzer werden nicht alt. Sie werden müde, irgendwann. Dann sind sie keine Tänzer mehr. Dann studieren sie vielleicht Wirtschafts- und Gesellschaftskommunikation, oder sie resignieren, oder sie sterben – ohne an den Stillstand des Herzens wirklich zu glauben.

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