Wirtschaft : Lore Kiepenheuer

(Geb. 1914)||Sie steckte ihren Freunden Bücher zu wie Medizin.

Anne Jelena Schulte

Sie steckte ihren Freunden Bücher zu wie Medizin. Die Nachbarskinder spielten wie jeden Nachmittag auf den Straßen von Nikolassee, als sie ein seltenes Geräusch hörten: Einen Auto-Motor. Aufgeregt postierten sie sich an der Bordsteinkante. „Morris“, lasen sie auf der Motorhaube, als das schwarze Cabrio sich näherte. So also hieß wohl der Mann hinter dem Steuer, ihr neuer Nachbar. Auf dem Beifahrersitz saß Morris’ Frau. Sie war groß und elegant, hatte schöne, schwarze Haare und eine dunkle Stimme, mit der sie die Kinder zu einer Spazierfahrt einlud.

So begann für die Freunde ein Märchen, das über viele Jahre Fortsetzungen fand.

Morris, der von Erwachsenen „Herr Kiepenheuer“ oder „Wölfchen“ genannt wurde, arbeitete als Dokumentarfilmer und Lore als seine Assistentin. Zwischen den Film-Projekten lagen immer wieder freie Wochen, die das kinderlose Paar mit den kleinen Nachbarn verbrachte. Frühmorgens fuhren sie mit ihnen an die Havel zum Schwimmen. Nachmittags durften die Kinder die vielen Freunde der Kiepenheuers kennenlernen: Da war der alte Niki, ein steifer, weißhaariger Dackel-Besitzer, der gerne zum Dinner einlud. Er hatte beim letzten Kaiser als Page gedient und wusste bei manierlicher Gabelhaltung haarsträubende Adelsgeschichten zu erzählen. Sehr beliebt bei den Kindern war auch der Antiquitätenhändler, oder vielmehr sein Schrumpfkopf, den er in einer verstaubten Vitrine verwahrte. Am häufigsten trafen sie auf Friedrich Luft. Von ihm konnten die Kinder lernen, wie man leise und kritisch die schönsten Abendspaziergänge rund um den Schlachtensee unternimmt.

Es war eine andere Welt als die der eigenen Eltern. Kein Mann, der täglich ins Büro verschwand. Keine Frau, die in einen genervten Zweikampf mit dem Haushalt verstrickt war. Keine Geschichten aus dem Krieg, dafür geduldiges Vorlesen aus den neuesten Kinderbüchern, vorzugsweise vom französischen Markt. Auch sie selbst erhielten von Lore und Wolfgang Namen wie aus einem Kinderbuch: Äpfelchen, Seele, Schnurre, Bubschka und Mäckie.

Als aus den Kindern Jugendliche wurden, gab das Paar Ratschläge in Liebesdingen und half mit Kontakten beim Berufseinstieg. Sie luden ins Restaurant, ins Konzert und ins Theater. Zu Ostern versteckten sie Piccolo-Fläschchen.

Warum taten sie das alles? Waren Lore und Wolfgang vielleicht nur einem Traum entsprungen und gar nicht von dieser Welt?

Den Eindruck, einer versunkenen Traumwelt entsprungen zu sein, hatten Lore und Wolfgang selbst einmal. Da standen sie auf dem Krähenberg des Dörfchens Caputh und sahen den Rauch und die Flammen über Potsdam. In Potsdam waren sie zur Schule gegangen, Wolfgang, Sohn des Verlegers Gustav Kiepenheuer, und Lore, Tochter des Ministerialrats für Bauwesen. In Potsdam hatte Lore auf dem Schoß ihres Vaters am Stammtisch der Architekten gesessen, Limonade geschlürft und strenge Urteile über aktuelle Neubauten verkündet. Im Park von Sanssouci, nahe der Fasanerie, die die Kiepenheuers bewohnten, hatte sie Wolfgang zum ersten Mal geküsst.

Mit dem Feuer 1933 auf dem Berliner Opernplatz, heute Bebelplatz, hatte diese Welt Risse bekommen. Es brannten die Bücher, die Lore, inzwischen gelernte Buchhändlerin, so liebte. Mit den Büchern verbrannte die Existenz der Familie Kiepenheuer und die vieler Künstler aus dem Freundeskreis.

Wolfgang, der Dokumentarfilmer, musste nicht an die Front. Doch wurde er aufgefordert, für Soldatenfilme Angriffsflüge auf Kriegsschiffe zu filmen.

Und jetzt, als Potsdam zu Asche zerfiel, da fragten sie sich, was überhaupt noch geblieben war von der Vorkriegswelt. Geblieben, sagte Lore, ist zum Beispiel Don Quichotte. Wer, wenn nicht der idealistischste aller Idealisten, der Ritter von der traurigen Gestalt, konnte nun noch die Seelen vor der Angststarre retten? Lore steckte ihren Freunden Bücher zu wie Medizin.

Und tatsächlich hatte ihre Vernarrtheit in die Literatur manchmal ganz bodenständige Folgen. So besaß Lore als einzige Deutsche des Dorfes eine Karte, auf der zu lesen war, dass kein Besatzungssoldat ihr das Fahrrad wegnehmen dürfe. Mit niemandem konnte sie sich so gut über Tschechow oder Turgenjew austauschen wie mit dem russischen Offizier, der ihr Haus bezogen hatte.

„It’s Up To You“ hieß der erste Film der Nachkriegszeit, für den Wolfgang Kiepenheuer Regie führte, unterstützt von Lore. Den Text schrieb der Freund Friedrich Luft: „Ein Anfang ist uns wieder gegeben. Wie soll es diesmal sein? Es liegt an Dir.“ Ein wenig lag der Neuanfang natürlich auch in der Hand der Besatzungsmächte. In diesem Fall waren das die Amerikaner, die den Film mit ihren Dollars unterstützten.

Und Lore und Wolfgang entschieden sich, ein Häufchen blasser Nachkriegskinder in ihr Cabrio zu laden und sie in ein paar Abenteuer zu kutschieren.

Noch als 91-jährige Frau stand Lore regelmäßig in ihrer Lieblingsbuchhandlung und kaufte neue Romane, für sich selbst und zum Verschenken.

Als sie krank wurde, begann sie zu klagen. Über ihre Schwäche und das Leben an sich. Jetzt war es an einem ihrer inzwischen ergrauten Nachbarskinder, Lore ein eine schönere Welt zu versetzen. „Und hast du nicht ein gutes Leben gehabt?“ Lore nickte. Dennoch wollte sie die Rückschau an dieser Stelle beenden: „Ich will jetzt zu meinem Wölfchen.“

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