Wirtschaft : Lothar Noack

Geb. 1924

David Ensikat

Die Militärstreife verhaftete und befreite ihn. Für Offiziere sollte er spielen. Und wieder ein Knaller von Pesalla“, ruft der Chef ins Publikum. In der „Kleinen Melodie“ am Lausitzer Platz spielt das „Orchester Pesalla“ den Swing, der die Tänzer und Trinker vergessen lässt, dass die Welt ringsumher in Trümmern liegt. Berlin Kreuzberg 1946, am Saxofon verdient sich Lothar Noack das Brot zum Überleben.

Army Sergeant George Hudak, ein Radiomoderator vom Amerikanersender AFN, hört sich in den Berliner Tanzcafés um, er sucht noch einen Saxofonisten für das Swingquartett im Offiziersclub Podbielskiallee. Lothar Noack hat zwar Lust, aber aus dem Vertrag mit Knaller-Pesalla kommt er nicht so einfach raus.

Natürlich kommt man da ganz einfach raus: Wer hat denn das Sagen in Berlin? Sergeant Hudak bestellt eine Militärstreife in die „Kleine Melodie“, die holt den Mann am Saxophon einfach heraus. Im Jeep geht es nach Dahlem in den Club, da spielen schon drei Deutsche, Gitarre, Piano, Bass. Lothar Noack packt sein Instrument aus, stellt sich dazu und ist dabei.

Es gibt ein paar amerikanische Clubs in der Stadt, überall sind die vier Musiker willkommen. Bezahlt werden sie mit Zigarettenstangen, die die Amerikaner bei Razzien vom Schwarzmarkt geholt haben. Die Musiker tragen die Zigaretten auf den Schwarzmarkt zurück und können davon ganz gut leben.

Noch besser lebt es sich in Süddeutschland, da gibt es noch viel mehr Amerikanerclubs. In München steht ein schickes großes Haus, ganz in der Nähe der Theresienwiese, da quartieren die Besatzer ihre Vertragskünstler ein, Musiker, Sänger und Artisten. Noack und Kollegen bekommen ein Zimmer zugewiesen, nachmittags hupt der Army-Truck vorm Haus, die vier laden ihre Instrumente ein, springen auf und lassen sich in die Kasinos fahren. Dort können sie so viel essen, wie sie wollen, nur mitnehmen dürfen sie nichts. Gut, dass sie den großen Verstärker haben, in den passt viel hinein. Verstärker werden von den Amerikanern nicht kontrolliert.

Die Besatzer versorgen ihre Musiker nicht nur mit Obdach und Lebensmitteln, sondern auch mit Weiterbildungsmaterial: Musikwünsche bringen sie am besten an, indem sie der Kapelle Jazzaufnahmen auf Vinyl aus Übersee besorgen. Learning by doing – die Deutschen können endlich jene Musik nachspielen, die sie ein paar Jahre zuvor unter Lebensgefahr im Feindsender hörten.

Ein anderes Glück wiederfährt Lothar Noack auf der Lebensmittelkartenstelle. Da sieht er Vera zum ersten Mal. Der Freund, mit dem er unterwegs ist, kennt die 19-Jährige aus Berlin, die beiden verabreden sich. Lothar Noack überzeugt seinen Freund, dass er, Lothar, die Holde erstmal treffen sollte, er habe da ein spezielles Interesse. Mit „Fräulein Vera“ spricht er die Erstaunte an und hebt den Hut vom Kopf. Für einen Swing-Musiker von 23 Jahren vielleicht etwas linkisch, aber liebenswert auf jeden Fall. Das Fräulein Vera zeigt sich angetan – und zieht mit ein in die Musiker-WG. Ein halbes Jahr später ist Hochzeit, zwei Quartett-Kollegen heiraten gleich mit. Die Amerikaner drängen auf geklärte Verhältnisse im Künstlerhaus.

Das ging sicher alles ziemlich schnell damals, aber Vera Noack hat es nicht bereut. Ihr Mann war nie der schräge Künstlertyp, auf der Suche nach Rausch und wildem Leben. Ihm ging es um die Musik, den Jazz, den Swing. Als Blasinstrumentalist konnte er es sich auch gar nicht leisten, zu viel zu trinken und zu rauchen.

Noch 1949 ziehen die vier Musiker mit ihren Frauen zurück nach Berlin, nennen sich, ergänzt um einen Schlagzeuger, „Rediske-Quintett“ und spielen im angesagtesten Jazzlokal der Stadt. Abend für Abend steht Lothar Noack jetzt auf der kleinen Bühne der „Badewanne“ in der Nürnberger Straße, die Luft ist zum Schneiden, und wenn er nach der Schicht nach Hause will, fährt längst kein Bus mehr.

Aber wer spricht von Schicht und Nachtbus, wenn er vor Satchmo und vor Ella spielen kann? Wer nach West-Berlin kommt, kommt auch in die „Badewanne“, damals in den Fünfzigern.

Lothar Noack spielt später in Paul Kuhns SFB-Bigband und im Theater des Westens. Sein letztes Bühnensolo spielt er, da ist er 75, in seiner „Brassband Berlin“. Die Kollegen vom Quintett sind allesamt schon lange tot. Sie mussten nicht immerzu Acht geben, bei Puste zu bleiben.

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