Wirtschaft : Lothar Späth beschleunigt die Einkaufstour

FRANK MATTHIAS DROST[STUTTGART]

Nach dem Zander-Coup soll nun noch ein optoelektronischer Betrieb die Aktivitäten der Jenoptik AG abrundenVON FRANK MATTHIAS DROST, STUTTGART

Was verbindet die Stuttgarter Meissner + Wurst GmbH & Co, die Berliner Krone AG, die Frankfurter Deutsche Effecten- und Wechsel-Beteiligungs AG und bald auch die Nürnberger Zander Klimatechnik AG? Der gemeinsame Eigner, die in Jena ansässige Jenoptik AG.Im kommenden Jahr will der Konzern, der 7000 Mitarbeiter beschäftigt, einen Umsatz von rund 3 Mrd.DM erzielen - und an die Börse gehen.Das ist nicht unbedingt die klassische Karriere eines ehemaligen Treuhandbetriebs. Als der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Lothar Späth, den Vorsitz der Geschäftsführung übernahm, waren die Voraussetzungen denkbar ungünstig.Die damals im Besitz des Landes Thüringen befindliche Jenoptik GmbH konnte im wesentlichen mit einem Pfund wuchern: Immobilien.Darüberhinaus wurde der ehemalige Treuhandbetrieb mit einer Anschubfinanzierung ausgestattet.Von den 3,6 Mrd.DM für den ostdeutschen Carl-Zeiss-Komplex verblieben unter dem Strich, also nach dem Ausgleich für Altschulden, Pensionen und den Zuschüssen für ausgegliederte Betriebe, rund 600 Mill.DM bei der Jenoptik.Dieser Betrag sollte dazu dienen, die Verluste bis einschließlich 1995 zu decken.Doch es kam anders.Die nicht betriebsnotwendigen Flächen wurden von der Jenoptik in relativ kurzer Zeit saniert, entwickelt und verwertet - Geld, das dazu diente, die noch verbliebenen Geschäftsbereiche Optoelektronik, Systemtechnik und Präzisionsfertigung zu stützen.Nur 1992 wurde ein Verlust in Höhe von 62 Mill.DM ausgewiesen.In den drei folgenden Jahren wurden die Verluste im operativen Geschäft durch Immobilien- und Finanzgeschäfte ausgeglichen, 1996 ein Jahresüberschuß von 20,5 Mill.DM präsentiert. Dabei hat Jenoptik in den letzten Jahren kräftig zugekauft.Die Einsicht, daß es Zeit braucht, "um als unbekanntes Technologieunternehmen auf internationalen Märkten Fuß zu fassen", hatte Konsequenzen.Im Oktober 1994 wurde das Familienunternehmen Meissner + Wurst GmbH & Co (M+W) übernommen.M+W gilt als Weltmarktführer in der Reinraumtechnik für Chipfabriken und tummelt sich auch in der Gebäudeausrüstung.Der Jenoptik-Umsatz erhöhte sich damit 1994 von 284 Mill.DM auf 662 Mill.DM.Eröffnet wurden dem Unternehmen zudem neue Vertriebswege, von denen auch die Jenoptik-Infab GmbH, die sich um die Automatisierung der Chipproduktion kümmert, profitiert.18 Monate später landete Jenoptik den nächsten Coup.Im April 1996 wurde die Mehrheit (65,7 Prozent) an der Berliner Krone AG erworben und damit ein neues Standbein aufgebaut.Krone ist ein Spezialist für drahtgebundene Netztechnik, bietet jedoch auch funkgestützte Telekommunikationssysteme an.Einschließlich der Krone-Erlöse erhöhte Jenoptik 1996 den Umsatz von 1,1 Mrd.DM auf 1,9 Mrd.DM.Und mit dem vor zwei Tagen angekündigten Verbund mit der Zander Klimatechnik AG stärkt die Gruppe ihre Aktivitäten im wachstumsträchtigen Markt rund um das technische Gebäudemanagement.Laut Absichtserklärung soll Zander (Umsatz 1997: 400 Mill.DM) mit der M+W (Umsatz 1997: 1,3 Mrd.DM) verschmolzen werden. Die Belastung durch Kaufpreise hielt sich bei der Jenoptik offensichtlich in Grenzen.Freimütig wird in Jena zugegeben, daß der Erwerb von M+W im Jahr 1994, als der Familienbetrieb noch rote Zahlen schrieb, nicht sehr teuer gewesen sei.Auch der Erwerb der Krone-Mehrheitsbeteiligung sei nicht über Kredite finanziert worden.Allerdings erhöhten sich die Verbindlichkeiten des Jenoptik-Konzerns durch die Finanzschulden Krones bereinigt um rund 100 Mill.DM.Für die Übernahme der restlichen 34,3 Prozent wurde Krone-Vorstandschef Klaus Krone eine Beteiligung von 9,17 Prozent an der Jenoptik eingeräumt.Auch bei der Zander-Akquisition wird Jenoptik durch die Einräumung von Anteilsrechten kein Geld in die Hand nehmen.Anders sieht es offensichtlich bei der Übernahme von 99,11 Prozent an der Deutsche Effecten- und Wechsel Beteiligungsgesellschaft AG (DEWB) aus, die auf einen Börsenwert von rund 840 Mill.DM kommt.Angaben zur Finanzierung werden hier nicht gemacht.Die Einkaufstour soll nun mit dem Erwerb eines norddeutschen Betriebs, der in der Optoelektronik tätig ist und auf einen dreistelligen Millionenumsatz kommt, abgeschlossen werden.Die Kapitalkraft wird auch unter diesem Engagement nicht leiden.Durch die Anfang des Monats vollzogene Kapitalerhöhung um 200 Mill.DM wird sich die Eigenkapitalquote im Konzern von 32,7 Prozent 1996 auf voraussichtlich 47 Prozent im laufenden Jahr erhöhen.

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