Lotto : Ohne Gewähr

Firmenchef Faber sieht die Zukunft der Lottovermittler in Gefahr – wegen eines neuen Staatsvertrags.

Corinna Visser
Lotto
Volkssport. Der Staat hält das Monopol auf Glücksspiele wie die Super 6. -Foto: ddp

Berlin - Lottovermittler Norman Faber kämpft für die Zukunft seines Unternehmens. „So vernichtet der Glücksspielstaatsvertrag die Firmengruppe Faber“, schreibt er in ganzseitigen Anzeigen. Doch das soll erst der Anfang gewesen sein: „Das ist der Auftakt für eine langfristige Kampagne“, sagte Norman Faber dem Tagesspiegel. „Es geht um die Existenz einer ganzen Branche.“ Dafür wolle er ein Bewusstsein in der Öffentlichkeit schaffen. Die Kampagne werde mehrere Millionen Euro kosten, und er werde dafür auch einen Teil seines Privatvermögens aufwenden. „Das habe ich eingeplant“, kündigt Faber an. In Deutschland seien 35 000 Arbeitsplätze in Gefahr.

Hintergrund ist der neue Glücksspielstaatsvertrag, der am 1. Januar 2008 in Kraft treten soll und jetzt noch von den Länderparlamenten ratifiziert werden muss – in Nordrhein-Westfalen, wo Faber sitzt, ebenso wie in Berlin. Eine entsprechende Gesetzesvorlage ist in Berlin für Dienstag zur Senatssitzung angemeldet. Das Gesetzgebungsverfahren, heißt es aus der Senatsverwaltung, werde wohl erst zum Jahresende abgeschlossen sein. Der Staatsvertrag schreibt das Glücksspielmonopol des Staates fest. Es geht um viel Geld: Die Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim geht davon aus, dass der Markt für Glücksspiele und Wetten in Deutschland im Jahr 2006 – vor Ausschüttung der Gewinne – 31 Milliarden Euro betragen hat.

Der Staat begründet das Monopol mit den Gefahren der Spielsucht, vor denen er die Bürger schützen will. Sowohl deutsche Gerichte als auch der Europäische Gerichtshof halten ein solches Monopol für zulässig – aber nur dann, wenn der Staat der Spielsucht auch tatsächlich Einhalt gebietet. Daher ist im neuen Staatsvertrag festgelegt, dass zum Beispiel über das staatliche Lotto nur noch informiert, dafür aber nicht mehr geworben werden darf. Auch darf Lotto nicht mehr über das Internet angeboten oder vermittelt werden. Darüber hinaus müssen Lottovermittler wie Faber, Tipp24 oder Fluxx künftig in allen 16 Bundesländern eine Genehmigung einholen. „Das ist organisatorisch gar nicht machbar“, klagt Faber, der bisher die von ihm bundesweit eingesammelten Lottoscheine in Münster und Hannover abgibt.

Auch Experten sehen die Existenz privater Lottovermittler in Gefahr. „Es ist nicht aus der Luft gegriffen, was Herr Faber sagt“, meint Tilman Becker, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel. „Es gibt eine Bedrohung.“ Tatsächlich hänge die Existenz der Unternehmen von der Genehmigungspraxis der Länder ab, einen Rechtsanspruch gebe es nicht. „Das Geschäft wird schwierig, und es ist ein hohes Risiko dabei“, sagt Becker. Der Staat versuche, die privaten Vermittler vom Markt zu drängen, um sein Monopol zu retten.

Dafür nimmt er auch Einbußen in Kauf: Rund 7,9 Milliarden Euro gaben die Bundesbürger 2006 für die Lotterien und Wetten des Deutschen Lotto- und Totoblocks aus. „Etwa 20 Prozent des Umsatzes entfallen auf die privaten Vermittler“, sagt Becker. Ohne ihren Einsatz werde der Umsatz um etwa fünf bis zehn Prozent schrumpfen, schätzt er. Den staatlichen Lottogesellschaften ist das aber lieber, als die Einnahmen ganz an Anbieter aus dem Ausland zu verlieren. Wer etwa seinen Sitz auf Malta oder Gibraltar hat, kann aus steuerlichen Gründen den deutschen Kunden viel bessere Konditionen anbieten. „Bei Lotterien wie etwa Euromillions winken Jackpots von 15 bis 100 Millionen Euro“, sagt Becker. „Für viele Leute ist das attraktiv.“

Auch Michael Schmid von der Berliner Strategieberatung Goldmedia sieht die Geschäftsmodelle der drei großen deutschen Lottovermittler Faber, Tipp24 und Fluxx in Gefahr. „Man weiß nicht, wie rabiat die Länder mit den Glücksspielvermittlern umgehen werden“, sagt er. Martin Oelbermann von der Beratungsfirma MECN meint, dass dabei auch Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen. Faber beschäftigt 500, Tipp 24 und Fluxx je rund 140 Mitarbeiter – doch Faber sieht insgesamt 35 000 Jobs in Gefahr. „Die Branche selbst beschäftigt weit weniger als 35 000 Menschen“, sagt Oelbermann zwar. „Rechnet man allerdings die Mitarbeiter in Callcentern hinzu, könnte die Rechnung hinkommen.“

Wissenschaftler Becker hält den Staatsvertrag für konsequent – unter der Prämisse, dass die Suchtgefahr tatsächlich groß sei. Das allerdings bezweifeln viele. „Die Zahlen sprechen dafür, dass die Alkohol- und die Kaufsucht deutlich schlimmer sind“, sagt Becker. Geschätzte 1,75 Millionen Alkoholsüchtige gebe es in Deutschland, immerhin eine bis 1,5 Millionen Kaufsüchtige, aber nur etwa 150 000 bis 300 000 Spielsüchtige. Belastbare Zahlen über sie gibt es nicht.

Faber wirft den staatlichen Lottoanbietern Heuchelei vor und will sie zum Thema seiner Kampagne machen. „Ich habe bis heute noch keinen einzigen Lottosüchtigen getroffen.“ Er hoffe, den Staatsvertrag noch verhindern zu können. Am 11. September gebe es noch einmal ein Treffen der EU-Kommission mit Vertretern der Bundesländer. „Das ist noch einmal eine Gelegenheit, in sich zu gehen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben