Wirtschaft : Lucent und Alcatel: Fusion geplant

abo/hus

Die Fusionsgespräche der großen Telekom-Ausrüster Alcatel und Lucent sind in eine entscheidende Phase getreten. Eine mögliche Transaktion könnte bereits am Dienstag bekanntgegeben werden. Dies berichtete die "New York Times" am Montag. Alcatel-Chef Serge Tchuruk habe am Wochenende in Paris mit Lucent-Vertretern über die endgültigen Bedingungen für eine Fusion im Wert von 34 Milliarden Dollar (77,5 Milliarden Mark) verhandelt. Die französische Alcatel wolle den überschuldeten US-Konzern Lucent billig kaufen und sanieren. Lucent-Aktien sind seit Oktober 2000 um rund 86 Prozent eingebrochen.

In den vergangenen Wochen war von einer Fusion Gleicher die Rede, doch würde Alcatel klar die Kontrolle von Lucent übernehmen, berichtete die Zeitung. Die fusionierte Gesellschaft werde ihr Hauptquartier in Paris haben und Tchuruk solle Konzernchef werden. Bei einem Zusammenschluss könnten vier Milliarden Dollar Kosten eingespart werden. Dies erfordere aber die Entlassung von mindestens 20 Prozent der insgesamt 250 000 Mitarbeiter beider Firmen.

Nachdem von einem der beiden Unternehmen Verhandlungen über eine Fusion erstmals indirekt eingeräumt worden sind, werden vor allem die Aktionäre des US-Telefonausrüsters unruhig. Sie fürchten, bei dem Deal ein schlechtes Geschäft zu machen. Denn die Franzosen wollen sich Lucent offenbar einverleiben, ohne eine bei Übernahmen dieser Größenordnung übliche Prämie auf den Kurs zu zahlen. Der überschuldete Lucent-Konzern könnte für Alcatel zu einem Fass ohne Boden werden. Für laufende Kosten und die Rückzahlung eines Teils seiner Kredite muss Lucent in den nächsten zwölf Monaten etwa fünf Milliarden Dollar locker machen. Damit wären sämtliche Kassenbestände aufgebraucht.

Das bringt auch Alcatel zunehmend unter Druck. Zwar hat sich in Frankreich noch kein Aktionär zu den Plänen von Alcatel-Chef Serge Tchuruk geäußert. Doch jedesmal, wenn Informationen über die unter dem Deckmantel der Kaufverhandlungen über die Lucent-Fiberoptik ablaufenden Gespräche die Runde machen, sinkt der Alcatel-Kurs. Angesichts des knappen Bewertungsvorsprungs von Alcatel (38,7 Milliarden Euro) gegenüber Lucent (37,2 Milliarden Euro) ist das für Alcatels Position extrem gefährlich. Auch daher drängen die Franzosen angeblich auf eine schnelle Klärung. Schon am Dienstag könnte es zu einer förmlichen Ankündigung oder Absage des Deals kommen. Zudem melden sich in Paris die Kritiker zu Wort. "Hoffentlich kann Tchuruk der Versuchung widerstehen", mahnte ein Pariser Banker, der nicht genannt werden will.

Viele Beobachter hadern mit der enormen Gewinnverwässerung für die Alcatel-Aktionäre im Falle einer Übernahme von Lucent. Der US-Konzern hat im vergangenen Jahr rund 4,2 Milliarden Euro Verlust eingefahren. Alcatel dagegen ist profitabel und gab bisher auch keine drastische Gewinnwarnung ab. Dabei schafft das Auseinanderdriften der Kurse beider Netztechnik-Giganten überhaupt erst die Gelegenheit zu dem gegenwärtigen Übernahmeszenario.Vor zwei Jahren war Lucent noch fünfmal so hoch bewertet wie Alcatel, deren Aktien im Wert seither stiegen.

Technisch hat Lucent wenig im Katalog, was Alcatel nicht selbst anbieten könnte. Allerdings gibt es bei Lucents berühmten Bell Laboratories einige Projekte, etwa die Verschlüsselungstechnik, bei denen das Pentagon verhindern dürfte, dass sie unter französische Kontrolle gelangen. Hier liegt nach Einschätzung von Beobachtern ein Schlüsselproblem einer Fusion. Doch ist der Drang nach Unternehmensgröße offenbar stärker: Neben Lucent und Alcatel, nach Umsatz auf Platz zwei und drei der Hersteller von Telefon- und Internet-Netztechnik, spielen dort nur noch Cisco Systems und Nortel Networks weltweit eine große Rolle.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben