Wirtschaft : Ludwig Georg Braun im Interview: "Die soziale Marktwirtschaft ist nicht mehr das Ideal"

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Ludwig Georg Braun (57) soll am 13. Februar zum neuen Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) gewählt werden. Braun, der sich gerne als "Kaufmann aus Nordhessen" bezeichnet, ist Vorstandsvorsitzender des mehr als 160 Jahre alten Familienunternehmens B. Braun Melsungen AG. Der weltweit tätige Konzern beschäftigt 27 000 Mitarbeiter und setzte mit Medizintechnik- und Pharmaprodukten zuletzt rund 4,8 Milliarden Mark um. Nach Abitur und Banklehre sammelte Ludwig Georg Braun Erfahrungen bei Chemie- und Pharmaunternehmen in Brasilien, England und den USA, in mehreren afrikanischen Ländern sowie in Japan. 1971 kehrte er an den Sitz des Unternehmens, in die nordhessische Kleinstadt Melsungen zurück. An der Spitze des DIHT löst Braun Hans Peter Stihl ab, der nach 13 Jahren aus dem Amt scheidet.



Herr Braun, in zwei Wochen werden Sie DIHT-Präsident.

Was ist Ihr wichtigstes Ziel?

Die Bildung. Die EU hat vor knapp einem Jahr in Lissabon beschlossen, Europa innerhalb der nächsten zehn Jahre zur dynamischsten Region zu entwickeln und dabei zur Wissensgesellschaft umzuorganisieren. Doch da fehlen - mit Ausnahme der Steuerpolitik des Herrn Eichel - noch die wichtigsten Voraussetzungen. Wir stecken immer noch zu viel in den Konsum und zu wenig in die Bildung. Der Bundeskanzler hat mit seinem jüngsten Vorschlag zur Ausweitung der Green Card ja selbst deutlich gemacht, dass unser Bildungssystem nicht in der Lage ist, die Qualifizierungen zu erbringen, die für die neuen Berufsfelder benötigt werden.

Das US-Wachstum ist nahe Null und Japan kommt nicht auf die Beine. Bricht jetzt das Jahrzehnt der Europäer an?

Ich bin unsicher. Es gibt drei Szenarien. Entweder bleibt es bei der US-dominierten Weltwirtschaft. Oder aber die Asiaten übernehmen die amerikanische Rolle. Schließlich ist auch denkbar, dass wir uns in Europa so ändern, dass wir die Lokomotive abgeben.

Was spricht für Europa?

Wir müssen ein Wirtschaftsmodell entwickeln, das besser ist als das der anderen. Dazu müssen wir allerdings wegkommen von dem Glauben, dass die soziale Marktwirtschaft mit der Überbetonung "sozial" immer noch das führende Ideal einer marktwirtschaftlichen Ordnung ist.

Der ehemalige Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer wirbt zur Zeit im Auftrag führender Industrieverbände für eine "Neue soziale Marktwirtschaft".

Die soziale Marktwirtschaft war ein kluges Modell des Aufbaus nach dem Krieg. Damals mussten alle zusammenstehen. Das sprach für einen Korporatismus, der Stabilität gewährleistet. Heute ist das so nicht mehr anwendbar.

Was sollte stattdessen kommen?

Ich sage Ihnen ein Beispiel: Weit über eine Billion Mark sind in die neuen Bundesländer transferiert worden. Und was haben wir damit erreicht? Die Hälfte der Mittel sind in konsumptive Maßnahmen geflossen, der sozialen Wohlfahrt wegen. Doch wir haben Unruhe in der Jugend, die keine Perspektive sieht. Wir haben genau die Fehler wiederholt, die wir in der Entwicklungshilfe gemacht haben. Wir haben Straßen gebaut und überdimensionierte Kläranlagen und geglaubt, wenn wir nur den Weg schaffen, dann kommt der Rest von selbst. Das Gegenteil ist richtig.

Also keine Investitionen mehr in Infrastruktur?

Ich komme zurück auf meine zentrales Thema: Wir müssen in Bildung investieren. Die Infrastruktur sollte dann folgen. Aber ich baue doch keine Infrastruktur auf Vorrat, ohne zu wissen, ob ich sie benötige.

Unterstellt, es gebe eine optimale Bildungsstruktur: Was hat dann der Osten davon, wenn die gut Ausgebildeten sich einen gut bezahlten Job in Baden-Württemberg oder Bayern suchen?

Wanderungen hat es immer gegeben. Wenn ich aber ein Potenzial an qualifizierten Arbeitskräften habe, das örtlich gebunden ist, dann entstehen da auch Unternehmen. Das Silicon Valley ist doch nicht per Dekret der Regierung entstanden, sondern weil sich aus Universitäten eine Wachstumsregion entwickelt hat.

Wie soll denn das System grundlegend verändert werden?

Die Universitäten müssen von der Gängelung der Wissenschafts- oder Kultusminister der Länder befreit werden müssen. Die Universitäten sollten selber Schwerpunkte setzen können und dann in den Wettbewerb mit anderen Hochschulen treten. Ferner muss in Kindergärten und Schulen mehr investiert werden, um insbesondere auch Benachteiligte stärker zu fördern und den Frauen die Berufstätigkeit zu erleichtern.

Abgesehen von der Bildungspolitik. Welche Voraussetzungen braucht das europäische Jahrzehnt sonst noch?

Wie müssen den Glauben an die Umverteilung der Arbeit überwinden und akzeptieren, dass nur Arbeit Arbeit schafft. Man muss erst die Bäume schütteln, bevor man die Dukaten einsammeln kann. Wir haben den Staat überlastet, ihm viel zu viel aufgebürdet. Deshalb stecken wir in der Krise.

Ganz so schlimm kann es nicht sein. Sonst hätten Sie sich mit Ihrem weltweit tätigen Unternehmen doch längst aus Deutschland verabschiedet.

Moment. So eindeutig ist das nicht. Wir stellen uns und den Beschäftigten schon die Standortfrage. Nur wenn wir hier zu Lande wettbewerbsfähig sind, bleiben wir.

Was heißt das konkret?

Wir haben mit der IG Metall vor gut zwei Jahren ein Standortvereinbarung für ein neues Werk in Tuttlingen getroffen. Diese Vereinbarung sieht die Rückkehr zu einer höheren Arbeitsleistung bei gleichem Geld vor und beinhaltet eine Weiterbildungskomponente. Die gesamte Belegschaft arbeitet zweieinhalb Stunden die Woche unentgeltlich mehr, um die Wettbewerbsfähigkeit des neuen Werkes zu sichern.

Sie wollen zurück zur 40 Stunden Woche ohne Lohnausgleich?

Wir machen das doch nicht, um das Unternehmen reicher zu rechnen, indem wir den Arbeitnehmern mehr zumuten. Wir müssen vielmehr Sorge dafür tragen, dass wir mit den Erträgen die Investitionen finanzieren können. Das ist in Tuttlingen gelungen, und in Melsungen haben wir jetzt einen ähnlichen Fall. Es geht um ein neues Pharmawerk, das wir entweder hier oder in Barcelona bauen.

Nach welchen Kriterien vergleichen Sie Melsungen mit Barcelona?

Die Grundlagen sind identisch. An beiden Standorten haben wir bereits eine Pharmafertigung, und bei den Rohstoffpreisen gibt es kaum Unterschiede. Also bleibt die effektive Arbeitszeit inklusive Krankenstände und Urlaubstage. Und wenn es da Differenzen gibt, dann muss man die ausgleichen, denn die Produktivität an unseren Standorten ist fast identisch.

Die Arbeitszeit als entscheidender Standortfaktor?

Ja.

Mit Ihrem Vorhaben verstoßen Sie gegen den Tarifvertrag, der 37,5 Wochenstunden vorschreibt.

Ich bemühe mich seit Jahren darum, dass wir Öffnungsklauseln in die Flächentarifverträge bekommen; zum Teil ist das gelungen. In unserem speziellen Fall reicht das aber nicht mehr aus. Also versuchen wir die Gewerkschaft davon zu überzeugen, dass Sie unseren Weg mitgeht. Wenn das nicht gelingt, dann können wir dieses Investment hier nicht tätigen.

Das klingt nach Erpressung.

Nein. Ich sage noch einmal: Es geht um Wettbewerbsfähigkeit. Und dazu wollen wir gemeinsam mit den Gewerkschaften mehr Flexibilität erreichen.

Und die Gewerkschaft macht wie in Tuttlingen auch in Melsungen mit?

Das ist natürlich schwierig, weil die Gewerkschaften über Jahre geglaubt haben, die Arbeitszeitverkürzung sei der große Fortschritt. Und jetzt zu sagen, wir haben uns geirrt und müssen umdenken, ist sehr, sehr schwer. Aber ich verlange ja nicht sofort die 40-Stunden-Woche. Wir wollen das nur für den Fall, dass wir die 40-Stunden-Woche brauchen, also der Markt eine erhöhte Produktion erfordert.

Und wenn das Geschäft noch besser läuft, müssen dann die Mitarbeiter 42 Stunden ohne mehr Geld arbeiten?

Nein, dann müssen wir mehr Leute einstellen.

Reicht die Flexibilität bei der Arbeitszeit zur Modernisierung des Standorts. Ist der Lärm, den die Wirtschaft derzeit zum Betriebsverfassungsgesetz macht, ein wenig übertrieben?

Nein. Wir sind im Moment dabei, die positive Motivation in der Wirtschaft durch eine Ausweitung der Mitbestimmung und mehr Bürokratie in den Betrieben zu beschädigen. Die Regierung wollte Lohnnebenkosten senken, aber durch die Reform der Betriebsverfassung entstehen uns neue Lohnnebenkosten.

Alles, was Sie sagen, klingt beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) nicht viel anders. Warum brauchen wir noch die Industrie- und Handelskammern und den DIHT, von denen die Unternehmen zu Zwangsmitgliedschaft und Zwangsbeiträgen verdonnert werden?

Sie dürfen nicht nur auf den Spitzenverband sehen. Es gibt in den Regionen keine andere Institution, die die Interessen aller Unternehmen wahrnehmen und gegenüber der Politik in den Regionen vertreten kann. Darüber hinaus haben die Kammern ihr Dienstleistungsangebot verbessert, die Beratungskompetenz erhöht und erfüllen eine Vielzahl von hoheitlichen Aufgaben an Stelle des Staats. Natürlich könnte man die Kammern abschaffen - aber was kommt stattdessen? Die Alternative wäre der Staat. Ich glaube nicht, dass der Staat diese Leistungen besser und billiger anbieten könnte.

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