Luftfahrt : Boeing schnappt EADS Jahrhundertauftrag weg

Die US-Luftwaffe hat den milliardenschweren Auftrag zum Bau von Tankflugzeugen an Boeing vergeben. Um den Auftrag hatte sich auch der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern EADS beworben.

Holger Alich,Markus Fasse
EADS ist raus: Der US-Flugzeugbauer Boeing soll der amerikanischen Luftwaffe 179 Tankflugzeuge im Wert von 35 Milliarden Dollar liefern.
EADS ist raus: Der US-Flugzeugbauer Boeing soll der amerikanischen Luftwaffe 179 Tankflugzeuge im Wert von 35 Milliarden Dollar...Foto: dpa

Im dritten Anlauf hat Boeing den Kampf um den Tanker-Auftrag für die US-Luftwaffe nun für sich entschieden. Das Pentagon will 179 Tankflugzeuge auf der Basis der Boeing 767 bestellen, teilte das Verteidigungsministerium am späten Donnerstagabend (MEZ) mit. Der europäische Konkurrent EADS hat damit das Nachsehen. Der Auftrag hat ein Volumen von bis zu 35 Milliarden Dollar und gilt als einer der größten Rüstungsaufträge der Geschichte. Beobachter gehen davon aus, dass EADS wegen Formfehlern Einspruch gegen die Entscheidung einlegen könnte.

Möglicher Anlass für einen Einspruch von EADS könnte eine Datenpanne vom November sein. Ein Mitarbeiter im Pentagon hatte die Adressen der beiden Konkurrenten vertauscht und ihnen fälschlicherweise vertrauliche Informationen über die Offerte des jeweils anderen zukommen lassen.

Die US-Luftwaffe wartet seit Jahren auf neue Tankflugzeuge. Der Bieterstreit um den Mega-Auftrag nahm im Jahr 2001 seinen Anfang. Zunächst hatte Boeing die Order für die Tankflugzeuge ohne Ausschreibung an Land gezogen; 2004 wurde die Bestellung wieder annulliert, weil Boeing wichtige Mitarbeiter des Pentagon für den Auftrag abgeworben hatte und sich dem Vorwurf der Datenspionage aussetzte.

Anfang 2008 erhielt dann überraschend das Konsortium aus EADS und Northrop Grumman den Zuschlag. Doch Boeing legte mit Erfolg Protest gegen die Auftragsvergabe ein, unterstützt vom einflussreichen Senator und Ex-Präsidentschaftskandidaten John McCain.

Auch der dritte Anlauf begann zunächst denkbar schlecht für EADS: Da die Ausschreibung ein kleineres Flugzeug bevorzugte, zog sich EADS-Partner Northrop Grumman aus dem Bieterwettkampf zurück. Im April 2010 entschieden die Europäer, ein Angebot ohne Partner abzugeben. Diese neue Offerte soll am Ende preislich sogar sehr nahe an der Boeing-Offerte gelegen haben, heißt es in Industriekreisen. Dabei ist die A330 größer und moderner als Boeings überarbeitete 767.

Wirtschaftlich braucht Boeing den Tanker-Auftrag dringender als EADS – auch das dürfte in dem Lobby-Krieg eine Rolle gespielt haben. Denn Boeings Zivilsparte leidet massiv unter den nicht enden wollenden Problemen des neuen Langstreckenflugzeugs 787. Die Budgetkürzungen im US-Verteidigungsetat setzten das Unternehmen zusätzlich unter Druck. In diesem Jahr stellt Boeing einen um 15 Prozent sinkenden Gewinn in Aussicht.

Der Zuschlag für den Tanker verschafft Boeing-Chef Jim Mc Nerney Luft. Boeing hat die Erstauslieferung des neuen Langstreckenflugzeugs 787 „Dreamliner“ sieben Mal verschieben müssen. Im November machte das neue Flugzeug, dessen Rumpf primär aus leichten Karbon und nicht mehr Aluminium besteht, mit einem Kurzschluss Negativ-Schlagzeilen, der beinahe einen Absturz verursacht haben soll. Laut „Seattle Times“ summieren sich die Anlaufkosten auf mittlerweile zwölf Milliarden Dollar.
Anders als EADS kann sich Boeing aber auf eine bis dato florierende Militärsparte stützen, die gut die Hälfte zum Konzernumsatz beiträgt. Doch vor allem im militärischen Flugzeugbau gibt es mittlerweile auch eine Reihe Probleme. Boeings Bestseller wie die Kampfjets F-15 und F-18 kommen in die Jahre. Und den letzten Großauftrag für eine neues Kampfflugzeug, den F-35 „Joint Strike Fighter“, ging an den Rivalen Lockheed Martin.

Neue Flugzeugprogramme sind nicht in Sicht: Der Bau eines neuen Langstreckenbombers für Atomwaffen, um den sich Boeing bewerben wollte, wird sehr wahrscheinlich wegen der Haushaltsnot erst einmal auf Eis gelegt. Und im Zukunftsgeschäft der Drohnen gibt Konkurrent General Atomics den Ton an; ein Unternehmen, das bislang um Flugzeuggeschäft keine Rolle spielte. Daher setzt Boeing vor allem auf den Export; so ist die F-18 gegen Frankreichs Rafale für einen Auftrag aus Brasilien im Rennen.
Boeings junger neuer Chef der Verteidigungssparte, Dennis Muilenburg, kann sich dank der Tanker-Order nun über seinen ersten großen Sieg freuen. Der 47-Jährige hatte im September 2009 die Führung von Boeings Defense-Abteilung übernommen, um die Sparte auf die Zukunftsherausforderungen einzustellen. Sein Vorgänger Jim Albaugh hatte den Umsatz von 2002 bis 2008 von 25 auf 34 Milliarden Dollar gesteigert. Muilenburg soll Boeings Platz unter den größten Rüstungsanbietern der Welt sichern.
(HB)

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