Luftfahrtbranche : Kleines Teil, große Wirkung

Eine falsch konstruierte Ölleitung in dem explodierten A380-Triebwerk könnte die gesamte Luftfahrtbranche in Misskredit bringen

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November 2010: Aus ungeklärter Ursache gab es am Triebwerk des A 380 eine Explosion.Weitere Bilder anzeigen
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04.11.2010 15:23November 2010: Aus ungeklärter Ursache gab es am Triebwerk des A 380 eine Explosion.

Es sind oft die kleinsten Dinge, die den größten Ärger bereiten. Nun soll es sich um eine exakt fünf Millimeter breite Ölleitung handeln, die vor vier Wochen fast eine Katastrophe ausgelöst hat. Sie soll falsch gebohrt gewesen sein, was zu einer Ermüdung des Materials führte. Sie platzte, Öl trat aus, entzündete sich: Dann explodierte das fast sechs Tonnen schwere Triebwerk Trent 900 des Herstellers Rolls-Royce mit einem Knall. Teile davon durchschlugen die linke Tragfläche. Das Ganze geschah in gut 2100 Metern Flughöhe über der kleinen indonesischen Insel Batam.

So haben Ermittler der australischen Verkehrssicherheitsbehörde ATSB den Vorfall vom 4. November jetzt rekonstruiert und am Donnerstag eine entsprechende Sicherheitsempfehlung veröffentlicht – was de facto dem Verbot gleichkommt, das Triebwerk weiter einzusetzen. Das hat weitreichende Folgen, nicht nur für den Hersteller: Diese Ölleitung könnte nun eine ganze Branche – auch Luftfahrtgesellschaften – in Misskredit bringen, da einige scheinbar nicht möglichst konsequent mit dem Vorfall umgegangen sind.

Zunächst reichte die Fluggesellschaft Qantas am Donnerstag Klage gegen den Triebwerkshersteller Rolls-Royce beim Bundesgericht in Sydney ein. Es war ihr Riesen-Airbus A380 mit 459 Passagieren an Bord, der knapp zwei Stunden nach dem Knall in Singapur notlanden musste. Mit der Einschätzung der Behörde, es habe sich um einen „Konstruktionsfehler“ gehandelt, könnte Qantas womöglich Schadenersatzansprüche begründen.

Allein das Austauschen von bisher 16 Triebwerken der Flotte hat die Gesellschaft mehrere Millionen Dollar gekostet, sagt Qantas, ohne genaue Angaben zu machen. Die Schweizer Großbank UBS bezifferte die Kosten jetzt auf 58 Millionen Dollar. Der Imageschaden dagegen dürfte noch viel höher sein und ist gar nicht zu beziffern.

Um so mehr ist Qantas bemüht, die Schuld, auf Rolls-Royce abzuwälzen. Das britische Unternehmen, das auch in Blankenfelde südlich von Berlin ein großes Werk unterhält, ist in der Defensive, spielt die Nachricht herunter: „Die von der ATSB herausgegebenen Sicherheitsempfehlungen decken sich mit dem, was wir bereits kommuniziert haben“, sagte ein Rolls-Royce-Sprecher. Ob man nicht auch bei Rolls-Royce in Deutschland fürchte, dass ein möglicher Vertrauensverlust das Geschäft nachhaltig trüben könnte? Dazu nur Schweigen.

Per-Ola Hellgren, Luftfahrtanalyst der Landesbank Baden-Württemberg, sagte dieser Zeitung gestern: „Man darf nie den Eindruck erwecken, dass man mit der Sicherheit spielt“. Indirekten Beistand für Rolls-Royce gab es immerhin von Dieter Peitsch, Professor für Luftfahrtantriebe am Institut für Luft- und Raumfahrt der TU Berlin. Er sprach im Zusammenhang mit der Ölleitung von einer „weit verbreiteten, sehr sicheren Konstruktion, die in vielfacher Anwendung bei Triebwerken verbaut wird.“ Doch kein Konstruktionsfehler also, sondern nur in der Montage? Mancher Kunde von Rolls-Royce könnte nicht so lange warten wollen, bis das Gericht in Sydney das geklärt hat, – und auf die Konkurrenz umsteigen.

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