Luftfracht : Nacht-Express nach Leipzig

Seit zwei Jahren betreibt DHL sein Drehkreuz für eilige Sendungen in Sachsen. Über Sicherheit wird nicht gesprochen.

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Nachtschicht. DHL hat eine eigene Frachtflotte mit insgesamt 85 Flugzeugen. In Leipzig tauschen sie ihre Fracht aus. Fotos (2): DHL
Nachtschicht. DHL hat eine eigene Frachtflotte mit insgesamt 85 Flugzeugen. In Leipzig tauschen sie ihre Fracht aus. Fotos (2):...

Leipzig - Birgit Arlt hat kleine Schweißperlen auf der Stirn. Die DHL-Mitarbeiterin steht am Ende einer gelben Rutschbahn. Von oben gleiten rote Plastiksäcke mit Expressgut zu ihr herunter. Sie wuchtet die Säcke in eine gelbe Wanne, scannt den Bestimmungsort ein und gibt den Wannen einen letzten Stoß, damit sie zurück auf das Förderband gleiten. An diesem Ort ist keine Zeit, sich über den Inhalt der Sendungen Gedanken zu machen. Mit einer Geschwindigkeit von 2,5 Metern pro Sekunde fahren die Wannen mit ihrer Ladung durch die riesige Halle. Am Ende des Förderbandes, ein Stockwerk unter dem Arbeitsplatz von Birgit Arlt, hieven Arbeiter die Säcke wieder heraus und verfrachten sie in Container. Durchschnittlich sieben Minuten verbringt das Expressgut in der Sortieranlage. Kurze Zeit später sind die Pakete und Dokumente wieder in der Luft.

Vor zweieinhalb Jahren hat DHL, die Logistiksparte der Deutschen Post, am Flughafen Leipzig/Halle ihr neues Luftdrehkreuz für den Expressdienst in Betrieb genommen. Tagsüber landen hier die Passagierflugzeuge, nachts kommen die Frachtflieger. Die ersten DHL-Maschinen erreichen Leipzig gegen halb eins, um kurz nach vier Uhr am Morgen sind fast alle wieder weg. Dazwischen geht es hektisch zu auf dem Vorfeld. Wenn nötig, kann alle drei Minuten eine Maschine landen. Mehr als 50 sind es jede Nacht.

Kaum steht ein Flugzeug in seiner Parkposition, rollen schon Hub- und Transportwagen an. Auf dem Vorfeld riecht es nach Diesel und Kerosin. Am Rande steht eine Gruppe Arbeiter und wartet auf ihren Einsatz. Die hellen Streifen ihrer Warnwesten leuchten in der Dunkelheit. Acht bis zwölf Mitarbeiter hat ein Ladeteam. Sie schieben die Container, die mit ihrer halbrunden Form exakt das Innere eines Flugzeuges ausfüllen, aus den Maschinen auf den Hubwagen. Ein Schlepper fährt die Container zum Verteilzentrum. Dort werden die Pakete und Dokumente nach ihrem Bestimmungsort sortiert und wieder auf Container verteilt. Vollgepackt heben die Flieger ab – zu Zielen wie Amsterdam, Bahrain, Delhi, Moskau, New York oder Schanghai.

„Wir garantieren eine Umschlagzeit von 105 Minuten“, sagt Eric Malitzke, Chef des Drehkreuzes Leipzig. „Wir wollen auf 90 Minuten kommen.“ Ob in dieser knappen Zeitspanne auch eine Sicherheitskontrolle stattfindet, dazu schweigt Malitzke. „Sicherheit ist ein sensibles Thema“, sagt er. Und seit dieses sensible Thema wegen der Paketbomben, die in zwei Sendungen der DHL-Konkurrenten Fedex und UPS gefunden wurden, noch brisanter geworden ist, gibt DHL überhaupt keine Antworten mehr auf Fragen nach Sicherheitsstandards und -kontrollen. Nur so viel: DHL halte sich an die Gesetze und an das Embargo für Sendungen aus dem Jemen. Außerdem werde jede Express-Sendung mit Röntgenstrahlen durchleuchtet – egal von welchem Absender. Aber wo, wie oft und ob beim Umschlagen in Leipzig die Sendungen erneut durchleuchtet werden – dazu schweigen die Manager von DHL.

Wer den Luftsicherheitsbereich in Leipzig betreten will, muss durch eine Sicherheitsschleuse ähnlich wie bei einer Passagierkontrolle. Die Mitarbeiter müssen dabei nicht nur ihren Betriebsausweis vorzeigen, sondern auch ihren Handrücken. Denn als zusätzlicher Identitätsnachweis werden am Eingang die Venen in der Hand gescannt. Pausenbrote, warme Socken und was man während der Arbeit noch so braucht, tragen die Mitarbeiter in kleinen transparenten Transportboxen mit sich. „Das erleichtert den Sicherheitscheck“, erklärt DHL- Manager Malitzke, der früher der Chef des Flughafens war.

Die Kommandobrücke, das Network Control Center, befindet sich im Verwaltungsgebäude. Hier überwachen etwa 60 Mitarbeiter im Großraumbüro an ihren Monitoren die Flugbewegungen der Maschinen und planen ihre Beladung. Jedes Flugzeug ist als farbiger Balken auch auf dem sieben Meter langen Bildschirm am Kopf des Raumes zu sehen. Daneben läuft ein Wetterkanal und der Nachrichtensender CNN. „Wir müssen immer sofort wissen, wenn etwas passiert, damit wir schnell reagieren können“, sagt Malitzke.

Das Netzwerk von DHL Express erstreckt sich über mehr als 220 Länder. Weltweit werden mehr als zwei Millionen eilige Sendungen pro Tag transportiert. Was eine Express-Sendung von einem normalen Paket unterscheidet, ist, dass DHL die Lieferung zu einem bestimmten Termin garantiert und zwar in der Regel bereits am nächsten Tag. „Wir fahren eine Null-Toleranz-Strategie“, erklärt Malitzke. „Das heißt, wir versuchen unseren Kunden null Fehler im System zu garantieren.“ Wenn DHL seine Terminzusagen nicht einhält, gibt es das Geld zurück.

Die wichtigsten Punkte im DHL-Netz sind die drei globalen Drehkreuze in Cincinnati im US-Bundesstaat Ohio, in Hongkong und eben in Leipzig. Zehn Prozent aller DHL-Express-Sendungen weltweit und 90 Prozent aller europäischen Sendungen laufen über Leipzig. Die wenigsten Sendungen, die hier umgeschlagen werden, sind für Deutschland bestimmt.

Leipzig sei der ideale Standort, sagt Malitzke. Denn hier dürfen die Maschinen nach richterlichem Beschluss rund um die Uhr fliegen, an 365 Tagen im Jahr. Hinzukommen die moderne Ausstattung des Flughafens und die geringe Verkehrsdichte. „Wir fliegen keine Warteschleifen über Leipzig“, sagt Markus Otto, der die DHL-eigene Fluggesellschaft EAT leitet. Außerdem gibt es hier genug Platz, falls das Drehkreuz seine jetzige Kapazität von 215000 Sendungen pro Nacht irgendwann einmal erhöhen möchte.

DHL Express transportiert vor allem eilige Dokumente. Banken zum Beispiel sind wichtige Kunden von DHL. Doch auch Schiffsschrauben und Pferde können per express verschickt werden. Das komme aber selten vor, räumt Airline- Chef Otto ein. Und weder Schiffsschrauben noch Pferde laufen über die Sortieranlage, an der Brigitte Arlt steht. Für Pakete mit mehr als 31,5 Kilogramm muss der Gabelstapler ran.

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