Wirtschaft : Lufthansa: Kommentar: Die Lufthansa hat verloren

Rolf Obertreis

Es gebe keine Sieger und Besiegte, sagt Hans-Dietrich Genscher. Natürlich muss das der Schlichter sagen, wenn sein Spruch angenommen wird. Das mag bezogen auf die Piloten und den Vorstand der Lufthansa richtig sein, für das gesamte Unternehmen stimmt es nicht. Die Schlafmützigkeit des Lufthansa-Managements, das über Jahre hin das Pilotenproblem sträflich vernachlässigt hat, genauso wie die drastischen Forderungen der Piloten verbunden mit ihren Streiks haben dem Gesamtunternehmen schwer geschadet. In Heller und Pfennig dürfte sich das für das laufende Jahr auf satte 300 Millionen Mark belaufen. Der Imageverlust ist dagegen nur schwer zu beziffern. Und mit dem Abschluss des unsäglichen Streits inklusive dreitägigen Streiks - und ansehnlichen Einkommenszuwächsen für die 4200 Piloten - ist bei Lufthansa längst noch nicht alles in Butter. Auch wenn mit den Piloten jetzt bis April 2004 Ruhe ist.

Die lange Laufzeit ist ohnehin für die Lufthansa das einzig wirklich positive an diesem Abschluss. So ohne weiteres werden die Gewerkschaften und die übrigen rund 50 000 Mitarbeiter der Airline den Parforceritt der Piloten nicht schlucken. Der Riss, der quer durch das Unternehmen geht, ist noch nicht gekittet. Nachforderungen stehen im Raum. Bei den offenen Strukturtarifverträgen für das Boden- und das Kabinenpersonal wird es voraussichtlich hart zur Sache gehen. Schließlich ist überhaupt nicht gewährleistet, dass ein solcher Tarifstreit, wie sich das Hans-Dietrich Genscher wünscht, wirklich einmalig bleibt. Die Piloten haben nämlich anderen privilegierten Berufsgruppen - ohne die auch in anderen Unternehmen oder Branchen wenig oder nichts läuft - gezeigt, dass man eigene Interessen ohne viel Rücksichtnahme durchdrücken kann. Nicht ausgeschlossen, dass Hans-Dietrich Genscher in Zukunft des Öfteren als Schlichter eingreifen muss.

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