Wirtschaft : Lufthansa: Späte Einsicht

Rolf Obertreis

Erstaunlich ist die Gewinnwarnung der Lufthansa nicht. Überraschend dafür umso mehr, dass sie so spät kommt. Lufthansa-Chef Jürgen Weber ist schließlich seit einigen Wochen - wenn nicht sogar Monaten - bekannt, dass der Tarifabschluss für die Piloten alles andere als billig wird und dass allein die Streiks mit weit über 100 Millionen Mark zu Buche schlagen. Er weiß zudem ganz genau, dass gerade die Luftfahrtbranche von einer Konjunkturschwäche besonders betroffen ist. Das schlechte Ergebnis der Lufthansa im ersten Quartal mit einem operativen Gewinn von gerade mal fünf Millionen Euro war ein deutlicher Beleg. Ein Blick nach Amerika, wo die Airlines im ersten Quartal dreistellige Millionen-Verluste eingeflogen haben, ist ein weiteres unübersehbares Indiz. Längst spürt auch die Lufthansa zurückgehende Buchungszahlen. Dazu kämpft sie weiter mit Infrastrukturengpässen. Das alles ist nicht neu. Eine frühere Einsicht der Lufthansa-Vorstände wäre besser gewesen, vielleicht auch für den Tarifstreit mit den Piloten. Ob die jetzige Gewinnprognose wirklich realistisch ist, muss sich zeigen. Die Skepsis gegenüber der Lufthansa ist jedenfalls durch die monatelange Mauertaktik von Weber und Finanzchef Karl-Ludwig Kley nicht kleiner geworden. Zusätzlich sind noch die Manteltarifverträge für das Bodenpersonal und die Beschäftigen der Technik offen. Die Gewerkschaften werden angesichts des Pilotenabschlusses hier so schnell nicht klein beigeben. Neben der Konjunktur und dem Ölpreis liegt auch hier ein Risiko. Für die Lufthansa sind spätestens mit der Gewinnrevision wieder ungemütlichere Zeiten angebrochen - auch wenn sich ein Gewinn von 700 Millionen Euro immer noch sehen lassen kann. Und die Piloten ernten die ersten bitteren Früchte ihres Tarifabschlusses: Für 2001 wird die Gewinnbeteiligung niedriger ausfallen.

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