Wirtschaft : "Lug und Betrug" beim Vulkan

Der Bremer Werften-Untersuchungsausschuß legt eine Zwischenbilanz vor

BREMEN (stg).Mißmanagement des Vulkan-Vorstands unter der Hauptverantwortung von Friedrich Hennemann, mangelnde Produktivität und Ertragskraft wichtiger Konzernbereiche, unzureichende Kontrolle durch den Aufsichtsrat, zu positive Berichte von Wirtschaftsprüfern und das monatelange Führungsvakuum nach Hennemanns Ablösung im Herbst 1995 ­ diese Faktoren waren nach weitgehend übereinstimmender Ansicht der vier Bremer Parlamentsfraktionen entscheidend für den Zusammenbruch des größten deutschen Werftenverbundes.Strittig ist jedoch die Rolle der seit Juli 1995 regierenden Großen Koalition. Nach Abschluß der dritten und letzten Fragerunde im Bremer Vulkan-Untersuchungsausschuß legten die vier Parteien jeweils ihre Bilanz der jüngsten Vernehmungsphase vor.Der offizielle Abschlußbericht wird erst für 1998 erwartet.Bisher wurden rund 75 Zeugen angehört; im September werden noch einmal fünf Personen "nachvernommen", darunter auch Hennemann. Die Parteienvertreter sind sich darüber einig, daß der Konzern schon 1995 nicht mehr zu retten gewesen sei.Nach Ansicht des Ausschußvorsitzenden Hermann Kuhn (Grüne) wurde die Ertragskrise des Firmenverbunds äußerlich überdeckt durch die Millionen-Subventionen für die Ostsee-Werften, die der Vorstand bedenkenlos für Verlustfinanzierungen im Westen zweckentfremdet habe.Kuhn sprach von "möglicherweise krimineller Energie" und warf den Managern "Verschweigen bis hin zu Lug und Betrug" vor.Bei Wirtschaftsprüfern und Aufsichtsräten habe "Vertrauensseligkeit bis zur Kumpanei" geherrscht.Die SPD-CDU-Landesregierung habe sich durch die Drohung mit Arbeitsplatzverlusten erpressen lassen und über 550 Mill.DM an Hilfen ausgegeben.Dabei habe der Senat die zuständigen Parlamentsgremien teils übergangen und auch die EU nicht vollständig informiert.Alle Zeugen hätten die Verantwortung für die Firmenpleite "im Kreise herumgereicht", kritisierte der Ausschußvorsitzende ferner.Auch die SPD rügte die "Nieten in Nadelstreifen" an der Konzernspitze, verteidigte aber gemeinsam mit der CDU den Versuch der Großen Koalition, einen abrupten Zusammenbruch ("Rolladen-Konkurs") zu vermeiden.Die CDU kritisierte, daß die kreditgebenden Banken dem Hennemann-Nachfolger Udo Wagner keinen Spielraum verschafft hätten, ein Sanierungskonzept zu erarbeiten.Wagner mußte im Februar 1996 drei Wochen nach Amtsantritt Vergleich anmelden, der am 1.Mai in den Anschlußkonkurs mündete.Seitdem wird dennoch in den meisten Firmen des ehemaligen Verbundes weiterproduziert.Die Vulkan-Stammwerft in Bremen-Vegesack schließt allerdings im August. Die Fraktion "Arbeit für Bremen" (AfB) hielt den Regierungsparteien vor, sie hätten schon im Herbst 1995 auf einen Vergleich drängen sollen, durch den vielleicht mehr zu retten gewesen wäre.Stattdessen hätten sie "weitergemacht, solange es ging", damit sie nicht für den Untergang verantwortlich gemacht würden. Als Konsequenz aus der Vulkan-Pleite forderte die SPD Gesetzesänderungen: Aufsichtsräte müßten künftig persönlich für Fehlentscheidungen haften, und auch die Anforderungen an Wirtschaftsprüfer sollten verschärft werden.

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