Wirtschaft : Luise Wirth ,geb. 1901

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Viele Menschen führen zwei Leben: Eins, das sie mit anderen teilen, und ein zweites, von dem nur wenige, zuweilen niemand etwas weiß. Luise Wirth starb wenige Monate vor ihrem 102. Geburtstag. Ein langes Leben, dem kaum jemand ein Geheimnis zugetraut hätte. Dazu war Luischen, wie sie von ihren Freunden genannt wurde, eine zu bescheidene Person.

Geboren als Nachzügler, der Vater früh gestorben, die Mutter alt, einsam als Kind und früh auf Freundschaften angewiesen. Die Verlobung in jungen Jahren löste sie schnell wieder auf, weil der Auserwählte zu sehr an seiner Mutter hing. Nach dem Besuch der Handelsschule ein Leben als Buchhalterin: in der Reichs-Kredit-Gesellschaft zunächst und dann, nach dem zweiten Krieg, im Cornelsen Schulbuch Verlag.

Ein Leben in langen Rhythmen: Über siebzig Jahre wohnte sie in ihren zwei Zimmern in Wilmersdorf. 21 Jahre davon gemeinsam mit ihrer Freundin Hildegard. Kein einfaches Zusammenleben, denn Hildegard litt an den Spätfolgen einer verschleppten Hirnhautentzündung; aber auch kein unglückliches: Die beiden unternahmen weite Reisen und teilten sich das Leben nach ihren Talenten, so dass keine der anderen zu viel schuldig blieb.

Nach Hildegards Tod gab es neue Freundschaften, und dann, zum Ende hin, war immer noch Didi da, die erst Putzfrau war und dann Freundin. Mit ihr tanzte die Hundertjährige, wohl frisiert, auch dann noch durch die Wohnung, als sie den geliebten Dual-Plattenspieler schon selbst nicht mehr zu bedienen wagte.

Ein Oberschenkelhalsbruch machte den gewohnten Spaziergängen und Tanzvergnügungen ein Ende und zwang sie ins Krankenbett. Der Bruch verheilte, aber sie wollte nicht mehr essen. Am ersten Weihnachtstag wurde Luise Wirth, fristgerecht im Sinne der Krankenkasse, aus dem Krankenhaus auf die Sozialstation verbracht, später dann ins Altenheim der Christengemeinschaft. Ihr Dual-Plattenspieler war dabei, die Platten ihrer Freundin Tiana Lemnitz, der großen Sopranistin, auch, aber sie wollte oder konnte nicht mehr ins Leben zurück.

In den Wochen, in denen Luise Wirth sich zu Tode hungerte, hatte sie immer wieder Angstattacken, die kein Pfarrer lindern konnte. „Ich war so ein Feigling. Im Krieg. Gegen die Nazis! So ein Feigling!“ Aber Luise Wirth war nie feige gewesen. Sie hielt stets die Treue: Dem ungarischen Juden Poldi, mit dem sie bis zu seiner Deportation 1943 musizierte und eine enge Freundschaft pflegte, ebenso wie der christlich-jüdischen Familie ihrer Freundin, die den Krieg in Berlin überlebte. „Ihr seid meine eigentliche Familie!“, pflegte sie zu sagen, und sie widerrief auch dann nicht, als es politisch opportun gewesen wäre.

Luise Wirth war mutig, wann immer es galt, mutig zu sein; aber sie hatte, selbst immer wieder von heftiger Migräne geplagt, Angst vor Krankheit und Tod. Von ihrer Melancholie hätte sie anderen Menschen aber nie etwas erzählt. Ihre Ansprechpartner waren die Bücher, die zwei- und dreireihig in den Regalen standen. Bücher, die sie sich allein aussuchte oder von Bekannten und Freunden schenken ließ, ohne je mit ihnen darüber reden zu wollen.

Ihre drängenden Fragen stellte sie nur den Büchern, und wo immer sie etwas fand, das als Antwort taugte, strich sie es an. Ein geheimes Leben in der Literatur. Ein geheimes Leben, aber kein esoterisches, auch wenn sie bevorzugt Bücher von Rudolf Steiner und seinen Anhängern sammelte. Sie fühlte sich zu den Anthroposophen hingezogen, ohne jedoch eine engstirnige Gläubige ihrer Ideen zu sein. Mitglied der Christengemeinschaft wurde sie erst im hohen Alter, nach dem Tod ihrer Freundin, und auch da machte sie nicht viel Aufhebens von ihrem Grübeln, das immer dem einen großen Rätsel des Lebens galt. Worin liegt der Sinn all der folgenlosen Untergänge: Der Mensch lebt auf der Erde, durch die Pflanzen, mit dem Tier, unter Menschen. Die Pflanze ernährt sich von den Mineralien, das Tier von den Pflanzen, der Mensch von den Tieren, aber wer ernährt sich von den Menschen? Wo ist die Heimat ihrer Seelen? Hier auf Erden in der Musik; aber wo nach dem Tod? Eine Frage, die Luise Wirth zeitlebens keine Ruhe ließ.

Es gibt viele Lebensläufe und Schicksale, in die sich Gläubige hineindenken, um ihre Ängste zu lindern: die Märtyrerin, die Heilige, die bußfertige Sünderin oder die barmherzige Schwester. Nichts von alledem kam für Luise Wirth in Frage, zu unmusikalisch, zu dramatisch diese Rollen; sie selbst wäre gern, und auch das kann man nur den Anstreichungen in ihren Büchern entnehmen, denn darüber hat sie nie ein Wort verloren, Luise Wirth wäre nach ihrem Tod gern ein Engel gewesen. Und vielleicht hat sie so lange gelebt, zur Freude vieler, weil sie im Zweifel war, ob es einen Gott gibt, der ihr diesen Wunsch erfüllen kann. Gregor Eisenhauer

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