Wirtschaft : Lunch im Park

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Von Corinna Visser

Vor ein paar Wochen rief ein junger Mann aus Berlin bei Hartmut Stevens an. „Ich habe eine Frau kennen gelernt und überlegt, was ich mit ihr unternehmen kann. Da kam ich auf ein Picknick. Das ist doch viel origineller als ein Theaterbesuch“, sagte der frisch Verliebte. Und dann hat er online bei Stevens den Picknickrucksack „Wein&Käse“ bestellt. Ob der Berliner mit seiner romantischen Idee Erfolg hatte, hat Stevens leider nie erfahren. Doch die Idee hat dem 48-Jährigen gut gefallen, denn er selbst ist ein großer Liebhaber des sommerlichen Speisevergnügens auf der grünen Wiese.

Seit 30 Jahren betreibt Stevens in Wesel am Niederrhein einen Handel mit Ersatzteilen und Zubehör für klassische englische Automobile. „Und irgendwann fing ich dann auch an, die zum Oldtimer passenden englischen Picknickkörbe zu verkaufen“, sagt Stevens. Vor zehn bis 15 Jahren habe Picknick in Deutschland keine Rolle mehr gespielt, sagt Stevens. Nur wenige Oldtimer-Fans hätten sich noch dafür interessiert und seien wie er, mit dem Korb auf dem Gepäckträger zum Lunch ins Grüne gefahren. „Doch seit etwa fünf Jahren hat das Picknick an Beliebtheit wieder gewonnen“, sagt Stevens. Nun kommen nicht nur ältere Herren, sondern auch junge Leute ins Geschäft und kaufen statt teuren Körben, die zu Hochzeiten und anderen festlichen Anlässen verschenkt werden, eben einen handlichen Picknickrucksack.

Erfinder des Picknick sind die Briten. Und von dort bezieht auch Stevens seine Körbe, Rucksäcke und Decken. Zweimal im Jahr fährt er auf die Insel, um bei einschlägigen Messen nach Neuheiten zu suchen. Manchmal besucht er auch das Dorf in Somerset, wo vor der Haustür die Weiden wachsen, die drinnen zu Körben geflochten werden. Obwohl die Bewohner der Insel nicht gerade für ihre gute Küche bekannt sind, beim Speisen im Freien haben sie es zur Meisterschaft gebracht.

Das Wort Picknick setzt sich aus den Begriffen „picken“ und „nicken“ zusammen. Nach dem Verzehr der mitgebrachten Köstlichkeiten, darf man gesättigt in der Sonne wegdösen. „Mit allzu viel unstrukturierter Zeit, können die Menschen aber heute nichts mehr anfangen“, sagt Klaus Gamers von der Deutschen Gesellschaft für Freizeit. Auch er sieht einen neuen Trend zum Picknicken, allerdings, sagt er, fahren die Leute nicht mehr einfach so ins Blaue. „Auch für ein Picknick brauchen viele Menschen heute einen Aktionsplan. Da muss ein Event her.“ Das klassische Picknick – spontan, ohne Kommerz und unorganisiert – sei auf dem Rückzug. Dafür picknicken die Menschen gern und in immer größerer Zahl bei Großereignissen wie etwa dem schleswig-holsteinischen Musikfestival, bei Opern und Konzerten in Parks und Schlossanlagen.

Für jede Art von Picknick gibt es die richtige Ausstattung. Vor allem braucht man eine schöne Decke. Am besten eine, die eine Unterseite aus Nylon hat. Auf der sitzt man auch auf einer feuchten Wiese trocken. So schön die Weidenkörbe auch sind, für Wanderer oder Radler sind sie viel zu schwer. Ein weiterer Nachteil gegenüber dem Rucksack: Der Korb hat keine Kühl- oder Wärmefunktion. Rucksäcke, Kühltaschen und -boxen sind dagegen isoliert. Wer auf den Korb nicht verzichten will: Flaschen in feuchte Tücher einwickeln, das hält sie länger kühl.

Seit drei Jahren vertreibt Stevens seine Importe aus England auch über das Internet. Im Gegensatz zu vielen anderen Onlineshops, verzeichne er ein permanentes Wachstum. „Die Leute schauen nicht nur, sie kaufen auch“, sagt Stevens. Wer die Ware lieber vor dem Kauf in Augenschein nehmen will: Die guten alten Kühlboxen gibt es in jedem Warenhaus. Auch das KaDeWe hat eine Auswahl an Kühltaschen, -boxen und Picknickkörben. Das Bellambiente im Berliner Stilwerk hat drei verschiedene Picknickrucksäcke (ab 65 Euro), Decken (ab 70 Euro) und sieben Korbvarianten (ab 54 Euro) im Angebot.

Aber im Prinzip, sagt Stevens, braucht man nicht viel mehr für ein gelungenes Picknick als leckeres Essen, einen schönen Platz, gutes Wetter und vor allem nette Leute. Verliebt muss man nicht unbedingt sein.

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