Wirtschaft : Lurchi kann wieder hoffen

Große deutsche Schuhmarken wie Salamander und Elefanten erleben eine Renaissance / Qualitätshersteller machen gute Geschäfte

Heike Jahberg

Berlin – Philipp Urban hat ein Herz für Frauen. Es sei doch lästig, meint der Chef des Deutschen Schuhindustrie-Verbands, dass „die Damen“ ihre Schuhe in dem einen Geschäft kaufen müssen, das passende Kleid in einem zweiten und die richtige Tasche dann noch einmal ganz woanders. Zumindest für gut betuchte Kundinnen dürfte diese Mühsal bald ein Ende haben. Der Chef des Luxusgüterkonzerns Egana-Goldpfeil, Hans-Jörg Seeberger, plant ein Geschäft, in dem alle Marken des Konzerns erhältlich sein sollen: Goldpfeil-Taschen, Joop-Hosen, Junghans-Uhren, Esprit-Blusen und vieles mehr. Das gepflegte Shoppingerlebnis soll altbekannten Orten neues Leben einhauchen – den Salamander-Läden.

Seit März gehört die deutsche Traditionsmarke zu Egana-Goldpfeil. Zuvor hatten sich der Stromkonzern EnBW und der Schuhgroßhändler Garant die Zähne an Salamander ausgebissen. Seeberger ficht das nicht an. In Deutschland gelte Salamander „seit 100 Jahren als die Kompetenz, wie man Schuhe macht“, sagte der Firmenchef jüngst in einem Interview. Selbst Lurchi, die kleine Salamander-Figur, soll wieder reaktiviert werden. Gemeinsam mit EnBW, die noch die Markenrechte haben, will Seeberger aus Lurchi „einen Helden der Neuzeit“ machen, ein Vorbild für alle Kinder.

Totgesagte leben länger. Das gilt auch für deutsche Schuhmarken. Elefanten, der Klassiker unter den Kinderschuhen, feiert im nächsten Frühjahr seine Wiederauferstehung. Ende des vergangenen Jahres musste das Traditionsunternehmen seinen Betrieb schließen – das Aus nach 96 Jahren. Der Eigentümer, die britische Firma C. & J. Clark, wollte den defizitären Schuhmacher loswerden, fand aber keinen Käufer. Jetzt wird zumindest die Marke Elefanten in die Regale zurückkehren. Der Traditionsname gehört seit dem 1. Juni Europas größtem Schuhhändler Deichmann. 2006 soll eine neue Elefanten-Kollektion in die Läden der Deichmann-Gruppe kommen – teurer als die bisherige Eigenmarke Bärenschuhe, aber billiger als die früheren Elefanten-Schuhe, sagt Deichmann-Sprecher Ulrich Effing. Werkzeuge und Leisten habe man sich gesichert, die Deichmann-Elefanten-Schuhe „werden echte Elefanten-Schuhe sein“, sagt Effing.

Nur aus Kleve dürften die neuen Elefanten-Schuhe wohl nicht mehr kommen. In 40 Ländern lässt Deichmann seine Schuhe produzieren, einen Großteil in den Billigländern in Fernost. Mit preisgünstiger Massenware können die heimischen Schuhproduzenten nicht konkurrieren. Gerade einmal 4,50 Euro kostet den Handel ein Schuh „made in China“ im Einkauf, weiß Verbandschef Urban. 100 Euro verdient ein chinesischer Schuhmacher im Monat, 1900 Euro ein deutscher. „Den Preiswettbewerb können wir nicht gewinnen“, weiß Urban. Und der wird immer härter. Nach Informationen der EU-Kommission sind die Preise für Importschuhe aus China in den ersten vier Monaten dieses Jahres um 28 Prozent gesunken, zugleich haben sich die Einfuhren versiebenfacht. Unter den größten deutschen Schuhhändlern finden sich neben Deichmann Discounter wie Aldi und Tchibo. Haben die 100 deutschen Schuhhersteller überhaupt noch eine Chance?

Sie haben. Beispiel Finn Comfort. „Unsere Schuhe werden ausschließlich in Deutschland gefertigt“, sagt Hans-Joachim Wolter. Wolter ist Geschäftsführer der Waldi Schuhfabrik GmbH. Waldi stellt die Finn-Comfort-Schuhe her. Über eine Million Paar Schuhe verlassen jedes Jahr die Fabrik im fränkischen Haßfurt – produziert von 650 Festangestellten im Werk, die Nähte handgearbeitet von 1500 Heimarbeitern. Atmungsaktives Leder, auswechselbare Fußbetten – Qualitätsware hat in Deutschland noch immer eine Chance. „Das Geschäft ist auskömmlich“, bestätigt Wolter.

Beispiel Ricosta. Das Familienunternehmen sitzt in Donaueschingen am Rand des Schwarzwalds und produziert hochwertige, teure Kinderschuhe. 80 Prozent der Ricosta-Schuhe werden in Deutschland verkauft, von Konsummüdigkeit und fehlendem Nachwuchs keine Spur. Der Firma geht es gut – allerdings nur, weil die Produktion geteilt ist. Ricosta-Werke gibt es in Ungarn, Polen und Rumänien, 20 Prozent der Fertigung kommen aus Deutschland. Das soll auch so bleiben: „Wir müssen schnell auf Trends reagieren können“, sagt Unternehmenssprecher Jörg Ertl. Außerdem bestehen die Verkäuferinnen, die zu Schulungen kommen, auf Betriebsführungen.

Wer den Rosenheimer Schuhhersteller Gabor („Camel active“) besichtigt, muss dagegen mit dem Bau von Prototypen vorlieb nehmen. Am Firmensitz werden nur noch die neuen Modelle entwickelt und Muster gefertigt, die eigentliche Produktion findet im Ausland statt – in Österreich, Portugal und der Slowakei. 3700 Beschäftigte hat das Familienunternehmen, davon 250 in Deutschland. Dank des Kostenmixes schreibt Gabor schwarze Zahlen. Gabor, Ricosta, Finn Comfort – die deutsche Schuhindustrie kann wieder hoffen. Auch neue Zahlen schüren Optimismus: Gegen den EU-Trend importiert Deutschland derzeit weniger Ware aus dem Ausland, die Einfuhren sind in den ersten vier Monaten 2005 um neun Prozent zurückgegangen, sagt Urban. Vielleicht leben Totgesagte wirklich länger.

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