• Lust am Zocken: 33 Millionen Briten flirten mindestens einmal im Jahr mit dem Glück - nur Schweden und Neuseeländer wetten mehr

Wirtschaft : Lust am Zocken: 33 Millionen Briten flirten mindestens einmal im Jahr mit dem Glück - nur Schweden und Neuseeländer wetten mehr

Hendrik Bebber

Wetten, dass Prinzessin Diana noch heimlich auf einer Insel lebt, Hilary Clinton die nächste Präsidentin der USA wird und es am Heiligen Abend in London schneit? Das sind nur einige der kuriosesten Wetten, die bei Londoner Buchmachern eingegangen sind. Großbritannien ist das internationale Zentrum dieser Leidenschaft. Freilich sind die Briten nicht wie häufig angenommen auch die Weltmeister im Wetten. Sie werden darin noch von den Schweden und Neuseeländern übertroffen.

Statistisch flirten nahezu drei Viertel der Bevölkerung - das sind 33 Millionen Briten - mindestens einmal im Jahr mit dem Glück. Doch die überwiegende Mehrzahl tut dies in der Nationalen Lotterie, mit Rubbelkarten und Spielautomaten. Nur 13 Prozent setzen auf Pferderennen und andere Sportarten. Auch der Löwenanteil des auf 120 Milliarden Mark geschätzten Jahresumsatzes bei den Glücksspielen entfällt auf die Lotterie. Deswegen brauchen die Buchmacher jedoch nicht zu darben. Das erste Wochenende im April brachte ihnen mit 300 Millionen Mark einen neuen Rekordumsatz.

Ausgehungert nach den vielen wegen der Maul- und Klauenseuche gestrichenen Pferderennen stürzten sich die Wettlustigen wie noch nie auf das "Grand National". Mit dem berühmtesten Jagdspringen der Welt fanden noch gleichzeitig je zwei Rugby-Länderspiele, zwei Fußball-Cup-Halbfinale, die US-Golfmeisterschaften und ein Boxkampf um den Weltmeistertitel im Federgewicht statt. "Ein Rekordjahr zeichnet sich ab", freute sich Graham Sharpe von "William Hill", der traditionsreichsten britischen Buchmacherfirma. "Wir haben Klienten aus 200 Ländern, die bei uns über das Internet wetten".

Nur ein Prozent der Briten setzen per Mausklick. Das große Geschäft liegt hier bei den Ausländern, vor allem aus dem asiatischen Raum. Aber auch die Klienten aus der Bundesrepublik können sich auf Deutsch einloggen. Dort ist das Interesse anscheinend so groß, dass die Deutsche Bank mit "Coral" einen der größten britischen Buchmacher kaufte. Der amerikanische Hilton-Konzern schnappte sich den ebenso großen Konkurrenten "Ladbrokes". Für die Analysten der Investment Bank Merrill Lynch sind die elektronischen Internetwetten und die Wetten im interaktiven Fernsehen eine der gewaltigsten Wachstumsbranchen. Sie schätzen, dass der Umsatz dieses Sektors im Jahre 2015 um die 400 Milliarden Mark liegt. Die Buchmacherfirmen in Großbritannien haben alles darangesetzt, an diesem Kuchen das größte Stück zu besitzen. Um die Besteuerung der Wettgewinne zu umgehen, operieren sie von Steueroasen in britischen Kolonien wie Gibraltar und Antigua.

Um das Wettgeschäft wieder ganz im Mutterland zu haben, hat der britische Schatzkanzler Gordon Brown im letzten Haushalt diese Besteuerung von Wettgewinnen ganz aufgehoben und dafür die Steuern für den Umsatz der Buchmacher erhöht, was von der Branche einhellig begrüßt wurde. Die "Tots" - im Jahr 1929 von Winston Churchill eingeführte staatliche Wettbüros für Pferderennen - sollen ebenfalls privatisiert werden. Innenminister Jack Straw hat eine Kommission eingesetzt, die eine Novelle der fast 30 Jahre alten Wettgesetze vorbereitet. Sie soll vor allem der elektronischen Entwicklung Rechnung tragen und den Wettmarkt noch mehr als bisher liberalisieren. Diskutiert wird in Großbritannien wird unter anderem, ob Wetten in Zukunft auch in Kneipen und Supermärkten abgeschlossen werden dürfen.

Was die Chancen neuer Technologien für die Buchmacher anbelangt, sollte man sich jedoch an das Bonmot des französischen Präsidenten Georges Pompidou bei einem Besuch im wettbegeisterten England erinnern: "Es gibt drei Wege zum Ruin: Frauen, Glücksspiele und Techniker. Der angenehmste ist der mit Frauen, der schnellste der mit Glücksspielen aber der sicherste ist der mit Technikern."

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