Wirtschaft : Lust am Zocken: Stammkundschaft hält Berliner Buchmachern die Treue

Sonja Niemann

Galoppderby auf der Rennbahn in Hamburg, ein heißer Sommertag im Juli: Damen mit Hüten trinken Sekt auf Erdbeeren, stöckeln zu der Wettannahmestelle, schieben ein paar blaue Scheine über den Tresen, beobachten zitternd von der Tribüne das Rennen und jubeln, wenn ihr Favorit als Erster ins Ziel galoppiert. Was für ein Kick, richtig gelegen zu haben! Aber ein Großereignis wie die Derbywoche findet nur einmal im Jahr statt. Den Kick, den wollen einige öfter. Buchmacher Eiken Albers wäre froh, wenn es noch ein paar mehr wären.

Berlin, Wettbüro Albers, ein verregneter Spätnachmittag im April: Zehn Männer, alle fortgeschrittenen Alters, starren auf eine Reihe von Monitoren, auf denen Hunderennen in London, englischer Fußball und ein Trabrennen in Mailand zu sehen sind. Einer der Männer geht zur Theke, bestellt sich noch ein Bier und hinterlässt Kleingeld für eine Wette auf das Pferd mit der Startnummer 19. "Das Geschäft könnte schon besser laufen", sagt Eiken Albers, Wettbürobetreiber in dritter Generation. "Das Interesse am Rennsport nimmt leider immer mehr ab." Und das an Pferdewetten auch.

In Deutschland hat der Staat ein Monopol auf Glückspiele aller Art, Pferdewetten sind dank einer Ausnahmegenehmigung das Einzige, womit private Buchmacher Geld verdienen dürfen. "Deutschland ist eben Fußballnation", seufzt Norman Albers, Cousin von Eiken und Vorsitzender des Deutschen Buchmacherverbandes. Seit 1996 sind die Umsätze der 63 lizenzierten Buchmacher in Deutschland um etwa 25 Prozent zurückgegangen, schätzt er. Schuld daran seien vor allem der Staat und das Internet.

"Bei 200 Mark Verlust ist Schluss"

Das Internet, weil sich dort ausländische Wettangebote aller Art tummeln. Der Staat, weil er im Lotto- und Totoblock mit dem Tippsystem Oddset selber Sportwetten anbietet und so den Buchmachern vor allem jüngere Kundschaft abzieht. "Oddset soll gemeinnützig sein, während ich die Spielleidenschaft der Leute ja angeblich nur ausnutze", sagt Norman Albers sarkastisch. Er würde gerne Fußballwetten anbieten, schon allein weil sich die Leute damit besser auskennen. "Pferdewetten sind eben kein Glücksspiel, sondern eine Wissenschaft", findet Eiken Albers. "Man muss sich auskennen und regelmäßig Fachzeitschriften lesen, sonst gewinnt man nicht." Seine Besucher sind daher auch zu 80 Prozent Stammkunden, nur bei wichtigen Berliner Rennen kommen ganze Familien.

"Ich lese auch Fachzeitschriften, mache aber keine Wissenschaft daraus", sagt ein passionierter Wetter, der namentlich nicht genannt werden möchte. Drei- bis viermal die Woche geht er ins "Teehaus" an der Mariendorfer Rennbahn zum Zocken. Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt er sich mit Pferdewetten, und die unvorsichtigen Zeiten, als er 4000 Mark auf ein Pferd mit der Startnummer seines Autokennzeichens gesetzt und verloren hat, sind vorbei. "Das Verhältnis zwischen Risiko und Höhe des Einsatzes muss stimmen. Und wenn ich 200 Mark am Abend verloren habe, ist Schluss." Denn arm werden will er nicht. "Das Ganze ist für mich einfach ein geselliges Hobby. Während andere abends in die Kneipe gehen, gehe ich mit Freunden zum Wetten." Reich zu werden erwartet er nicht: "Wissen Sie, wie man mit Wetten zu einer Million kommt? Indem man vorher zwei Millionen hatte."

In Albers Wettbüro sehen die Besucher an diesem Nachmittag so aus, als seien sie von solchen Summen weit entfernt. Gruppenweise stehen die Männer beieinander. Man kennt sich, wechselt aber kein überflüssiges Wort. Die Augen kleben an den Bildschirmen, Gespräche beschränken sich auf "Na, haste watt?" - "Nee!". Anfeuerungsrufe wie "Go, 19" werden eher geflüstert als geschrieen. Doch dann gewinnt die 19. Ein Mann im Anorak und mit schief sitzender Krawatte springt auf, umarmt seinen Nachbarn und jubelt in die Stille: "Mein Süßer, das Leben ist schön." Wie der Mariendorfer sagte: Man kann beim Pferdewetten auch mit zehn Mark Spaß haben.

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