Wirtschaft : Lust auf Weniger

Fasten ist gut für den Körper und die Seele. Millionen tun es jedes Jahr – und hungern zu Hause, in Kliniken, Klostern oder auf Reisen

Ragna Sieckmann

Fasten ist wie Joggen. Man kann geradezu süchtig werden nach den Glückshormonen, die beim Hungern ausgeschüttet werden. Mit Abnehmen hat das wenig zu tun. „Es geht eher darum, Abstand von Alltag und Gewohnheiten zu gewinnen“, sagt Andreas Buchinger, der eine Fasten-Klinik in Bad Pyrmont leitet. „Fasten boomt“, sagt der Vorsitzende der Deutschen Fastenakademie, Hilmar Burggrabe. Er schätzt, dass jährlich 3,5 bis vier Millionen Deutsche fasten – in Kliniken oder Seminaren, in Verbindung mit Reisen oder auch mit Abendveranstaltungen im Heimatort. Vor einsamen Fastenkuren daheim wird dagegen gewarnt: „Die medizinische Begleitung einer Fastenkur ist unbedingt nötig“, sagt Michael Boschmann, Ernährungsphysiologe an der Charité Berlin Buch.

Im Grunde ist das Schema bei allen anerkannten Fastenlehren ähnlich: Säfte, Tees, Brühe oder Milch, vielleicht ab und zu ein Brötchen, aber nie mehr als 400 Kilokalorien am Tag. Wie das sportliche, medizinische und meditative Programm dabei aussieht, hängt von der Klinik oder dem Seminarleiter ab. Mediziner halten eine Fastenkur in speziellen Hotels oder Kliniken für sinnvoll. „Gerade das erste Mal sollte man in Ruhe fasten und nicht noch nebenbei arbeiten“, sagt Boschmann. Die zusätzliche Belastung im Job könne für den Kreislauf zu viel sein, wenn er das erste Mal fast ohne Essen auskommen muss. Bewegen sollen und können sich Kurteilnehmer trotzdem.

Genießer-Fasten an der Algarve, Fastenwandern auf Mallorca oder Heilfasten-Tanz-Meditation im Altmühltal bietet zum Beispiel das „Fasten-Kolleg“ an. Die Kosten liegen bei 475 bis 540 Euro ohne Anreise. Der Luxemburger Fastenwanderverein führt Hungerwillige sogar durch die Wüste: eine Woche Sahara unter freiem Himmel gibt es für knapp 1000 Euro, inklusive Flug und Vollpension. Das heißt Mineralwasser morgens, mittags und abends.

Ein neues Lebensgefühl

Egal, ob Tanzen in Deutschland oder Wüstenwandern in Tunesien, „Bewegung ist ein wichtiges Element jeder Fastenkur“, sagt Andreas Buchinger, der Enkel von Fasten-Guru Otto Buchinger. Zwar ist der Körper in den ersten drei Tagen geschwächt. Aber wenn der Körper gelernt hat, eigene Reserven zu verwerten, ist der Stress vorbei und Sport ist absolut kein Problem. „Einer meiner Gäste hat während des Fastens sogar einen Halbmarathon geschafft“, erzählt Buchinger.

Er verspricht nach elf Tagen in seiner Klinik „körperliche Regeneration“. Was er meint, sind ein neues Gefühl für Ernährung und die Entgiftung des Körper. Auf dem Weg zum neuen Lebensgefühl liegen unter anderem Wassergymnastik, Massagen, Moorpackungen, Shiatsu, aber auch Vorträge vom Arzt. „Jeder, der hier rausgeht, hat etwas gelernt über Ernährung.“ Manche verlassen Bad Pyrmont nicht nur schlauer, sondern auch mit weniger Krankheiten: Alters-Diabetes, Rheuma, Bluthochdruck, Gicht, Migräne, Hautkrankheiten und Übergewicht können nach Buchinger durch Fasten geheilt oder zumindest gelindert werden. Auch die Immunkraft wird gestärkt – immerhin wird ein Drittel der Immunkraft normalerweise für die Nahrungsaufnahme gebraucht. Der Preis für eine Kur hängt davon ab, wie luxuriös das Fasten sein soll. Das billigste Zimmer kostet 119 Euro pro Tag, eine Suite 250 Euro. Damit sind Unterkunft, Verpflegung und medizinische Betreuung bezahlt. „Programm rund um die Uhr“ ist ebenfalls inklusive, also gemeinsame Wanderungen, Meditation oder Gymnastik. Extras wie Massagen, Bäder und Drainagen machen sich auf der Rechnung allerdings bemerkbar.

Neuorientierung durch Milch und Tee

Beim Fasten nach Hellmut Lützner kann man sich die Klinik sparen. Seine Fastenakademie bildet Seminarleiter aus ganz Deutschland aus. Das können Ärzte sein, aber auch Volkshochschuldozenten. In seiner Praxis in der Ahornstraße in Berlin-Zehlendorf bietet zum Beispiel Heilpraktiker Sebastian Bartning Hilfe beim Fasten an. Weitere Seminare zum Hungern zu Hause stehen in einer Liste, die die Akademie auf ihrer Internet-Seite www.d-f-a.de veröffentlicht. Dort stehen die Adressen von so genannten Fastenleitern, bei denen sich Gruppen regelmäßig zum Austausch und zur Beratung treffen. Eine Woche mit täglichen Treffen kostet laut Fastenakademie 70 bis 160 Euro.

Die F. X. Mayr-Therapie setzt in erster Linie darauf, die Verdauung zu unterstützen. Zur Diät mit Tee oder Milch kommen eine spezielle Bauchbehandlung und Kautraining. Berühmter Mayr-Patient ist Helmut Kohl. Er machte jedes Jahr einen Versuch zur „Neuorientierung auf eine vernünftige, gesündere Ernährungs- und Lebensweise“, wie es bei F. X. Mayr heißt. Trotzdem legte er nach den Kuren doppelt soviel Gewicht zu, wie er vorher abgenommen hatte.

Boschmann kann das erklären: Man darf nur nach und nach wieder anfangen, normal zu essen. „Sonst kommt es zum Jojo-Effekt.“ Denn der Körper hat sich daran gewöhnt, jedes Bisschen Energie zu nutzen, das im Essen steckt. Ohnehin verliert der Körper bei einer Fastenkur allerhöchstens zehn Prozent seines Gewichts, fünf bis acht Kilo in vier Wochen sind realistisch, sagt Boschmann. Aber nicht bei allen – denn: „Jeder Körper versucht unterschiedlich stark, sein altes Gewicht zu verteidigen.“

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