Luxemburg : Wo der Stahl gehärtet wurde

Das Projekt 1535°C im luxemburgischen Differdingen lockt die Kreativwirtschaft in alte Werkshallen.

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In den ehemaligen Werkshallen von Differdingen können Kreative günstige Räume mieten.
In den ehemaligen Werkshallen von Differdingen können Kreative günstige Räume mieten.Foto: Marc Laroche

Differdingen ist die Hochburg der Luxemburger Stahlindustrie. Hier in der Stahlregion im Südwesten wurden die Grundlagen für den Wohlstand des Großherzogtums gelegt. „Jeder hier in Differdingen hat früher im Stahlwerk gearbeitet. Zum Schichtwechsel um 14 Uhr war die Stadt voll, wenn drei- bis viertausend Arbeiter auf der Straße waren“, erzählt André Schomer, Administrator des Projekts 1535°C. Sein Vater und sein Großvater haben hier gearbeitet. Doch nun wird in Differdingen Elektrostahl produziert, hochspezialisierte Produkte wie die Doppel-T-Träger, die in New York beim neuen World Trade Center verbaut wurden. Ohne diese Grey-Träger aus Luxemburg gäbe es das Hochhaus nicht.

Heute strömen die Menschen wieder nach Differdingen, zwar nicht in Massen, aber immerhin, es tut sich was. Die Gemeinde und ihr rühriger damaliger Bürgermeister Claude Meisch, heute Minister in der Regierung, sorgten sich nach dem Rückgang der Stahlindustrie um die Zukunft des Ortes. „Differdingen war bis dahin immer die graue Maus, Schmutz und Staub wurden mit der Stadt assoziiert“, erzählt Schomer. Das wollte Meisch ändern, bunter sollte es werden, neue Arbeitsplätze sollten entstehen.

Drei ehemalige Hallen von ArcelorMittal, die sich wie ein Dreieck an den gigantischen Stahlkomplex anschmiegen, standen seit mehr als zehn Jahren leer. Meisch hatte den Plan, hier Kreativwirtschaft anzusiedeln, um etwas Neues zu schaffen. Sieben Millionen Euro hat die Gemeinde bisher in dieses Projekt investiert, dessen erster Bau Anfang Oktober eröffnet wurde. Das Projekt 1535°C vermietet Kreativen günstigen Raum. „Die Idee war, den Industriebau so herzurichten, dass wir ihn technisch ganz modern ausstatten, allerdings alle Leitungen auf Putz legen, um den Fabrikcharakter der Bauten zu erhalten“, sagt Schomer. So wurden die Wände auch nur in einer Höhe bis zu 2,50 Meter gestrichen, darüber sieht es aus wie zu Beginn der 60er Jahre.

Zu den Mietern gehören Maler, Grafiker, Fotografen und eine Hairstylistin

Die Gemeinde nimmt sechs Euro pro Quadratmeter plus Nebenkosten, das seien Mieten, wie sie sonst nirgends in Luxemburg zu haben wären. „Wir wissen nicht, wie lange wir diese sozialen Mieten halten können“, sagt Schomer, aber erstmal ist man so gestartet und hat mit 40 Mietern rund 200 Arbeitsplätze geschaffen. „Wir haben den Mietern keine Vorschriften gemacht, was sie tun. Sie müssen der Kreativwirtschaft angehören und professionell arbeiten. Eine Kommission bearbeitet die Bewerbungen und achtet auf den richtigen Mix. Zu den Mietern gehören Maler, Grafiker, Fotografen, eine Hairstylistin, die Gratis-Zeitung „L’Essentiel“, die alleine 70 Mitarbeiter aus Differdingen in den neuen Komplex eingebracht hat, und viele mehr.“

Nach der offiziellen Eröffnung mit zwei Ministern und dem großherzoglichen Paar konnte sich 1535°C vor Anfragen nicht mehr retten. „Die Leute aus der Kreativwirtschaft waren begeistert“, erzählt Schomer, „und alle aus der Großregion, die in dem Bereich arbeiten, sind schon hier gewesen. Wir führen eine Warteliste.“

Nach dem Haus A, der ehemaligen Schreinerei mit 6000 Quadratmetern, in der nun die gleichnamige Brasserie eröffnet hat, soll nun das Haus B mit 7000 Quadratmetern erschlossen werden. Da hier auch Asbest beseitigt werden muss, übersteigen die Investitionen das Potenzial von Differdingen. Die Verhandlungen unter dem neuen Bürgermeister Roberto Traversini mit dem Staat laufen.

Eine neue Straße wird angelegt, die das Areal vom ArcelorMittal-Gelände trennt und damit eine bessere Anbindung an die Stadt gewährt. „Unsere Mieter haben schon gemeinsame Projekte gestartet, die räumliche Nähe inspiriert und schafft Synergien“, erzählt Schomer. Gerade Künstler fühlten sich hier wohl, da sie nicht mehr allein im Atelier arbeiten müssten. Die Halle ist im Prinzip wie ein Einkaufszentrum angelegt, die Betriebe haben Glasfenster zum Mittelgang, es gibt Räume für Veranstaltungen und Ausstellungen. Auch Mieter aus Deutschland und Frankreich haben sich hier schon angesiedelt.

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