Wirtschaft : M-Dax: Fusionsphantasie bei Werten wächst

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Düsseldorf (jop/HB). Das Beteiligungsgeflecht in der deutschen Industrie wird sich ab dem kommenden Jahr infolge der Steuerreform drastisch verändern. Wenn Veräußerungsgewinne ab dem kommenden Jahr nicht mehr versteuert werden müssten, werde die "Deutschland-AG" schnell anders aussehen, glauben viele Analysten. Dies gelte besonders für M-Dax-Werte.

Zum Hintergrund: In den vergangenen Jahrzehnten haben viele deutsche Unternehmen Beteiligungen an Firmen erworben, die nicht zu ihrem Kerngeschäft gehören. Sie besitzen Aktienpakete, die zum Einkaufspreis in den Büchern stehen, deren heutiger Kurs jedoch oft viel höher liegt. Die Firmen haben stille Reserven aufgebaut. Als Paradebeispiel hierfür gilt der Finanzsektor. In den 60er und 70er Jahren haben Banken von ihren Schuldnern statt Bargeld Aktien erhalten und somit große Beteiligungen erworben. Größtes Hindernis, diese Beteiligungen in Bargeld zu verwandeln und ins Kerngeschäft zu investieren: Firmen mussten bisher auf diese lukrativen Geschäfte Kapitalertragssteuer zahlen, die Hälfte der Gewinne floss in die Kassen des Bundesfinanzministers. Vom kommenden Januar an ändert sich das. Durch die Steuerbefreiung soll die deutsche Wirtschaft angeregt werden, sich neu zu strukturieren, sich auf ihre Kerngeschäfte zu konzentrieren.

Mancher Großaktionär wird verkaufen

Analysten der Commerzbank Security sehen vor allem in Unternehmen des M-Dax Kandidaten für interessante Übernahmen. Denn bei ihnen liegt der Buchwert oft deutlich unter dem aktuellen Marktwert. Die Aktienstrategen empfehlen deshalb, Anteile dieser Unternehmen zu kaufen. Ausschau halten sollten die Anleger dabei vor allem nach solchen Firmen, unter deren Großaktionären ein Unternehmen ist, das sich von seinen Anteilen trennen will. Als Beispiele dafür nennen die Analysten Bilfinger + Berger, Beiersdorf und Karstadt-Quelle.

Das Bauunternehmen Bilfinger + Berger dürfte den Wertpapierstrategen zufolge von der Steuerreform profitieren, indem es seine Dresdner-Bank-Beteiligung schon Anfang 2002 der Allianz verkauft. Der Verkaufspreis wird hier auf 260 Millionen Euro geschätzt. Damit werde das Unternehmen vermutlich entweder seine Anteile an Heizungsbauer Buderus (28 Prozent) vergrößern oder - sollte dieses Geschäft nicht zustande kommen - sich auch vom Buderus-Paket trennen. Aufgrund des Kapitals aus dem Dresdner-Bank-Verkauf wird Bilfinger in den Augen der Analysten selbst zu einem Übernahmekandidat.

Bei Beiersdorf könnten laut Commerzbank mittelfristig sehr viele Aktien frei werden. Die Bank erwartet, dass Großaktionär Allianz, der 38 Prozent hält, seine Anteile im Zuge einer Umstrukturierung des Unternehmens verkaufen wird. Auch Tchibo, die mit 28 Prozent beteiligt sind, könnte mittelfristig wegen Uneinigkeiten zwischen eigenen Aktionären seine Beiersdorf-Aktien verkaufen wollen. Zudem könnte Beiersdorf die kürzlich abgetrennte Klebstofftochter Tesa im Zuge der Steuerreform vergolden wollen.

Auch Karstadt-Quelle plant nach Commerzbank-Angaben, sich von seinem Immobilien-Engagement zu trennen. Erträge aus diesem Handel könnten dem elektronischen Zweig des Unternehmens zu Gute kommen. Karstadt-Quelle könnte den Immobilien- Zweig - geschätzter Wert fünf Milliarden Euro - ausgliedern und anschließend mit einem Partner an die Börse bringen.

Die Gelegenheit für steuerfreie Verkäufe wird es aber nach Ansicht der Analysten nicht lange geben. Dafür sorgt Druck von mehreren Seiten: Die EU werde im Zuge der Steuerharmonisierung alle Steueranreize innerhalb der Union auszugleichen versuchen. Zudem müssten manche Branchen wie Lebensversicherer und Beteiligungsgesellschaften mit ein wenig Findigkeit vom kommenden Jahr an praktisch überhaupt keine Steuern auf ihre Gewinne mehr zahlen, denn dabei handelt es sich hauptsächlich um Kapitalerträge. Schließlich werde sich der Finanzminister auf Dauer diese Einnahmequelle nicht durch die Lappen gehen lassen.

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