Macht Fleisch Krebs? : "Niemand muss Angst haben, eine Bratwurst zu essen"

Die Warnung der WHO, dass Wurst und Schinken das Krebsrisiko steigern, hat viele Verbraucher verunsichert. Die Industrie wiegelt ab.

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Goldene Zeiten? Was dieses Objekt einer Nürnberger Ausstellung verspricht, gilt heute nicht mehr. Der Absatz von Wurst und Fleisch sinkt.
Goldene Zeiten? Was dieses Objekt einer Nürnberger Ausstellung verspricht, gilt heute nicht mehr. Der Absatz von Wurst und Fleisch...Foto: picture alliance / dpa

Vor dem Kühlregal überlegt die Kundin einen Moment. Soll sie wirklich oder lieber nicht? Immerhin hat die Weltgesundheitsorganisation WHO erst kürzlich vor dem Verzehr von Wurst, Schinken und rotem Fleisch gewarnt. Schon der regelmäßige Genuss von 50 Gramm Wurst am Tag steigere das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, um 18 Prozent, hatten die Experten auf Basis von 800 Einzelstudien vermeldet. Macht Fleisch krank? Ist Schinken so gefährlich wie Asbest? Sollte man die Finger von Bratwürsten und Kochschinken lassen? Nein, sagt sich die Kundin und greift zu. Sekunden später liegen die Nürnberger Würstchen im Einkaufskorb.

Ein Siebtel der Deutschen will weniger Fleisch essen

Selbstverständlich ist das nicht. Glaubt man einer am Freitag veröffentlichten Umfrage, ist einigen Kunden durch die jüngsten Horrormeldungen der Appetit vergangen. Mehr als jeder Siebte will wegen der Krebs-Warnung der WHO künftig weniger Fleisch essen, hat das Meinungsforschungsinstitut YouGov herausgefunden. Die Mehrzahl der über 2 000 Befragten lässt sich aber die Lust auf Fleisch und Wurst nicht nehmen. 68 Prozent der Kunden wollen ihren Konsum nicht verändern.

Deutschlands größter Fleischunternehmer hört das gern. Clemens Tönnies lässt in seinem Unternehmen jedes Jahr über 17 Millionen Schweine und 400 000 Rinder schlachten. Krebswarnungen sind nicht gut fürs Geschäft. „Inzwischen gibt es schon sehr viele Stimmen, die die Aussagekraft einer Studie hinterfragen, die aus immerhin 800 Einzelstudien zusammengefasst wurde“, sagte Tönnies dem Tagesspiegel. „Wir sollten vorsichtig sein, dass Verbraucher nicht eher verunsichert werden, mit Aussagen, die bei genauem Hinsehen offensichtlich zumindest relativiert werden müssen“, mahnte der Konzernchef.

RWI kritisiert Wursthysterie

Um Relativierungen bemühten sich am Freitag gleich mehrere Stellen. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) prangerte die „Wursthysterie“ an. Das absolute Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, liege bei fünf Prozent, rechneten die Wissenschaftler vor. Der Wurstkonsum erhöhe dieses Risiko lediglich auf sechs Prozent. Und auch die WHO ruderte am Freitag zurück – zumindest ein wenig. Man fordere keinesfalls einen völligen Verzicht auf Wurst, teilte die Behörde mit. Man habe nur darauf aufmerksam machen wollen, dass der regelmäßige Verzehr von Wurst und Schinken das Darmkrebsrisiko erhöhe.

"Niemand muss Angst haben, eine Bratwurst zu essen"

„Niemand muss Angst haben, wenn er mal eine Bratwurst isst“, beteuert Agrarminister Christian Schmidt. Der CSU-Politiker kennt sich aus. Schmidt kommt aus dem Fränkischen, ein Landstrich, in dem geröstete Würstchen zum kulturellen Erbgut gehören. „Es kommt immer auf die Menge an“, mahnt Schmidt – und liegt damit auf einer Linie mit der Lebensmittelwirtschaft. „Weder Fleisch noch Zucker machen krank“, betont Christoph Minhoff, Chef des Bundes für Lebensmittelrecht und -kunde. „Jeder muss das richtige Maß finden.“

Immer mehr Kunden wollen Vegetarisches

Im Handel, der eng am Herzen und Geldbeutel des Kunden ist, sieht man die Dinge jedoch ein wenig anders. Immer mehr Kunden wollen vegetarische und vegane Produkte, sagte Christian Böttcher, Sprecher des Bundesverbands des Lebensmitteleinzelhandels, dem Tagesspiegel. Berichte über Massentierhaltung oder Antibiotika haben dem Absatz geschadet, die Warnung der WHO gehe in dieselbe Richtung. „Steter Tropfen höhlt den Stein“, sagt Böttcher. „Der Fleischkonsum sinkt“, sagt auch Reinhild Benning vom BUND. „Wir freuen uns sehr darüber.“ In der Fleischindustrie sei diese Erkenntnis aber noch nicht angekommen. Nach Daten des Statistischen Bundesamts haben die Schlachtbetriebe im ersten Halbjahr 2015 über vier Millionen Tonnen Fleisch erzeugt – so viel wie noch nie. „Das Angebot steigt, der Preis sinkt“, berichtet Benning, „dennoch halten sich die Verbraucher zurück.“

Einige Anbieter haben auf diesen Trend inzwischen reagiert. Sowohl Wiesenhof als auch Rügenwalder haben nun auch vegetarische Produkte im Angebot. Und große Hoffnungen: „Die Rügenwalder Mühle plant, bis Ende des Jahres 20 Prozent des Umsatzes mit ihren vegetarischen Produkten zu erzielen“, sagte eine Sprecherin dem Tagesspiegel.

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