Wirtschaft : Made in Mecklenburg, USA

Warum deutsche Firmen nach Amerika und nicht nach Asien gehen. Ein Besuch in North Carolina.

Christoph von Marschall

Charlotte - Man kann Heimatgefühle kriegen in North Carolina. Die Hauptstadt Charlotte wurde nach der deutschen Prinzessin Sophie Charlotte benannt, der umliegende Kreis heißt Mecklenburg. Zu den wichtigsten Investoren gehören Thyssen, Bosch und Siemens Hausgeräte, die Autozulieferer Getrag und ZF Lemforder, der Möbelfabrikant Klaussner sowie die Daimler-Töchter Freightliner (Lkw) und Thomas Buses (Schulbusse). Die Deutschen stellen überhaupt den Löwenanteil unter den ausländischen Firmen, es gibt deutsche Schulen und Kirchen.

Der mehrtägige Besuch in der Region wird zu einem kleinen Lehrstück in Sachen Globalisierung: Erstens zeigt sich, wie zwei strauchelnde Ökonomien sich gegenseitig stützen können. Zweitens erhebt sich die Frage, ob die Zukunft der deutschen Exportwirtschaft nicht eher in den USA als in China und Indien liegt. Auch BMW und Mercedes haben sich in den Südstaaten der Ostküste angesiedelt, BMW in Spartanburg (South Carolina), Mercedes in Tuscaloosa (Alabama).

Vor 20, 30 Jahren war North Carolina ein Staat im Niedergang. Die Branchen Textil, Möbel und Tabak, lange Zeit das Rückgrat der Wirtschaft, brachen unter dem Druck der Billigkonkurrenz aus Asien zusammen. Hunderttausende Jobs gingen verloren, der Lebensstandard fiel immer weiter zurück im Vergleich zu den Zentren der Stahl- und Autoindustrie im Norden der USA. Heute ist es umgekehrt. North Carolina boomt, oben in der Autostadt Detroit und im alten Kohle- und Stahlrevier um Pittsburgh bröckeln die Arbeitsplätze. North Carolina hat die Zentralen von neun der größten 500 US-Konzerne angezogen, darunter die Bank of America und Wachovia – und darf sich nun rühmen, zweitgrößter Finanzplatz nach New York zu sein, sagt Michael Campbell von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Charlotte Regional Partnership. Der Staat in der Mitte der Ostküste ist auch zu einem Hauptumschlagplatz für Handel und Transport geworden. 57 Prozent der US-Bürger lassen sich von hier binnen 24 bis 36 Stunden beliefern.

Deutsche Firmen haben erheblichen Anteil an dem Strukturwandel. 4,7 Milliarden Dollar haben sie über die vergangenen Jahre investiert, sie geben 29 400 Menschen Arbeit in North Carolina. Die Kontakte sind alt, Deutschland lieferte früher die Maschinen für Manufakturen und Fabriken. Auch deutsche Firmen gerieten unter Druck durch steigende Kosten und globale Konkurrenz. Sie suchten nach Wegen, Absatzmärkte zu sichern und weiter zu wachsen. Der Getriebe- und Achsenhersteller Getrag aus Untergruppenbach bei Heilbronn kam 1986 nach Newton. In den jüngsten Jahren hat sich der Umsatz verachtfacht, sagt der 41-jährige Finanzvorstand Armin Laicher – trotz der Krise in der US-Autoindustrie.

Er nennt die gleichen Gründe wie die regionalen Wirtschaftsförderer, was Investoren ausgerechnet nach North Carolina zieht: Die Stundenlöhne sind mit 15 bis 20 Dollar niedriger als im Norden der USA. Und die Menschen arbeiten 2000 Stunden im Jahr, das sind zehn Arbeitswochen mehr als im deutschen Durchschnitt. Die so genannten Community Colleges schulen Arbeitslose aus der Textil- und Möbelindustrie binnen weniger Wochen um zu Fachkräften, die zum Beispiel die Autobranche braucht. Und alle loben, dass es so gut wie keine Gewerkschaften gibt. Auch Arbeitslose in Umschulung oder kleine Angestellte bestätigen auf skeptische Nachfragen: Gewerkschaften zählen in ihren Augen wegen unrealistischer Forderungen zu den Hauptschuldigen für den Niedergang der alten US-Industrien.

Nur über eines klagt Laicher: Die Maschinen, die er braucht, werden in den USA nicht gebaut. Die aus Deutschland sind einfach besser. Das freut die deutschen Maschinenbauer und sichert Arbeitsplätze in der Bundesrepublik. Für Getrag USA ist der Import beim derzeit niedrigen Dollarkurs freilich teuer.

Möbel Klaussner erzielt in den USA mittlerweile knapp eine Milliarde Umsatz, mit Produkten im mittleren Preissegment. Bei der Billigstware kann die Firma mit Importen aus China nicht konkurrieren. „Wir haben eine breite Palette unterschiedlicher Stilrichtungen, und wir können individuelle Bestellungen in fünf Tagen produzieren und verschicken – deutlich schneller als die Konkurrenz“, sagt Produktionsdirektor Mitchell Cross. Zulieferungen kommen aus der ganzen Welt, hochwertige Spezialteile auch aus Deutschland. In der Produktionshalle in Asheboro surren die Nähmaschinen, auch an den Zuschneidetischen und im Lager arbeiten vor allem Hispanics, Zuwanderer aus Mexiko und Mittelamerika, „alle legal“, wie man bei Klaussner betont. Hispanics stellen über 50 Prozent der 6648 Angestellten.

In der deutschen Debatte um die Sicherung von Jobs und die Suche nach Absatzmärkten für die Exportindustrie richten sich die Fantasien vor allem auf China und Indien mit ihren hohen Wachstumsraten. Tatsächlich hat der deutsch-amerikanische Handel und haben diese wechselseitigen Auslandsinvestitionen weit größere Bedeutung. Mit 300 Millionen zumeist zahlungskräftigen Konsumenten sind die USA der mit Abstand größte Markt der Welt. Die im Schnitt 3,5 Prozent Wachstum hier sichern mehr deutsche Arbeitsplätze als die Hoffnung auf Teilhabe an acht Prozent Zuwachs in Asien.

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