Madeleine Schickedanz : Das Phantom von Fürth

Madeleine Schickedanz hat durch den Niedergang des Arcandor-Konzerns Milliarden verloren. Annäherung an ein tragische Figur.

Moritz Honert
296328_3_xio-fcmsimage-20090824223722-006000-4a92fa029d221.heprodimagesfotos84120090825schickedanz.jpg
Madeleine Schickedanz (Zweite v. l.) mit Ehemann Leo Herl und Thomas Middelhoff (r.), damals Vorstandschef von Karstadt-Quelle,...SCHROEWIG/News & Images

Berlin - Sie ist die Frau im Hintergrund. Es ist eine Rolle, in die sie hineingeboren wurde, und bis heute bleibt sie ihr treu. Wenn es etwas gibt, das Madeleine Schickedanz, Quelle-Erbin, Ex-Milliardärin und mehr in St. Moritz als im heimatlichen Fürth zu Hause, scheut, ist es das Rampenlicht. „Ich bin niemand für die Öffentlichkeit“, soll sie selbst diesen Umstand einmal kommentiert habe.

Ungreifbar, unnahbar erscheint die 65-Jährige. Öffentliche Auftritte meidet die Frau, deren Vermögen noch vor zwei Jahren auf rund fünf Milliarden taxiert wurde und das heute durch die Arcandor-Pleite auf einen kleinen Bruchteil geschrumpft ist, so gut es geht. Interviews lehnt sie regelmäßig ab. Selbst wichtigen Hauptversammlungen des Handelskonzerns, deren Hauptanteilseigner sie ist, blieb sie in der Vergangenheit fern. Nur gelegentlich zeigte sie sich bei Veranstaltungen ihrer Kinder-Krebs-Stiftung, die sie 1990 nach einer Leukämieerkrankung ihrer Tochter ins Leben rief.

Zumindest mit dieser Strategie ist sie erfolgreich gefahren. Es gibt nur wenige Fotos von Madeleine Schickedanz, und was über sie bekannt ist, passt auf einen Bierdeckel: Geboren am 20. Oktober 1943 in einem Luftschutzbunker in Nürnberg, abgebrochenes Betriebswirtschaftsstudium, drei Ehen, vier Kinder.

Sie selbst war Einzelkind und soll mehr nach ihrem Vater Gustav kommen. Ein introvertierter Mensch. Wie er liebt sie Wagner-Opern. Ihr Verhältnis zu ihm soll besser gewesen sein als das zur Mutter, die Madeleine Schickedanz einmal als „Überfigur“ beschrieb. Grete Schickedanz, einst als Lehrling ins Unternehmen gekommen, führte nach dem Tod des Ehemannes jahrzehntelang den Konzern. Erfolgreich.

Viele sehen in ihr den Grund, wieso sich die Tochter nicht präsenter ins Geschäft eingebracht, nicht stärker in Szene gesetzt hat. Wieso kämpfen, wenn man nur verlieren kann?

Einfluss auf das Geschäft übte Madeleine Schickedanz nur indirekt aus. Stets besetzten ihre Ehemänner hohe Führungspositionen im Konzern, bis die Scheidung deren Karriere abrupt beendete. Auch ihr dritter Ehemann, Leo Herl, sitzt im Aufsichtsrat von Arcandor.

Wie groß ihr Einfluss war, ist umstritten. Allerdings soll sie es gewesen sein, die nach der im Rückblick als unglücklich angesehenen Fusion von Quelle und Karstadt den Ex-Bertelsmann-Manager Thomas Middelhoff an Bord holte. Ausgerechnet den Mann, dem heute eine Großteil der Schuld an der Arcandor-Pleite angekreidet wird und der wegen Immobilienspekulationen in die Kritik geraten ist, hält Schickedanz auch heute noch die Treue. „Unfair“ seien die Vorwürfe gegen ihn, sagte sie im Juli in einem seltenen Interview.

Angesichts der jahrelang gepflegten Diskretion muss dieser Schritt in die Öffentlichkeit ein Akt der Verzweiflung gewesen sein. Viel zu spät habe sie bemerkt, dass sie die Kontrolle verloren habe, gestand sie. Jetzt lebe sie von 600 Euro im Monat. Viel Häme schlug ihr wegen dieser Behauptung entgegen. Wie viel ihr wirklich bleibt, wird erst nach dem Abschluss des Arcandor-Insolvenzverfahrens klar sein. Dass sie wirklich vor dem Nichts steht, bezweifeln viele Beobachter. Wie immer es kommen mag: Dass sie nun stärker beobachtet wird als jemals, damit muss sie leben.Moritz Honert

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben