Wirtschaft : „Männer beißen gern ins Lenkrad“

Auto-Professor Dudenhöffer über den Fahrstil von Frauen, das Auto der Zukunft und die kleinen Marken

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Herr Dudenhöffer, die Industrie arbeitet am intelligenten Auto, das Gefahren erkennt und uns frühzeitig warnt. Gibt es in einigen Jahren keine Unfälle mehr?

Die Leistungen der Autohersteller in Punkto Verkehrssicherheit können sich sehen lassen. Seit 1970 ist die Zahl der Verkehrstoten um 68 Prozent bis auf 6800 im Jahr 2002 gesunken. Und das trotz der Verdoppelung des Autoverkehrs und dem schlechten Zustand des deutschen Straßennetzes. Sicherheitsgurt, automatischer Gurtstraffer, Fahrer und Beifahrer-Airbag, und Seitenairbag sind einige der Innovationen, die das Auto in seiner passiven Sicherheit verbessert haben.

Und was ist aktive Sicherheit?

Das ist das Thema der nächsten zehn Jahre. Mit ABS und ESP (Elektronisches Stabilitätsprogramm) haben die Ingenieure Systeme erfunden, die das Auto in kniffligen Situationen beherrschbar machen. Wir nennen das aktive Sicherheit für die Insassen und das Fahrzeug. Weiter geht es darum, andere Verkehrsteilnehmer stärker zu berücksichtigen, also Fußgänger, Radfahrer und Kinder.

Wie funktioniert das?

Es gibt so genannte Fahrer-Assistenzsysteme. Das fängt an mit einer Weiterentwicklung von ESP, so dass eine Auto kaum noch schleudern oder ausbrechen kann. Reifenkontrollsysteme achten auf den Reifendruck und beugen Reifenplatzern vor. Abstandskontrollsysteme, die automatisch bei zu geringem Abstand zum Vordermann das Fahrzeug abbremsen sind bereits ab der Mittelklasse im Markt. Die Weiterentwicklung heißt Notbremsung: Wenn der Vordermann plötzlich bremst, reagiert das System sofort und veranlasst ebenfalls eine Notbremsung. Und vor wenigen Monaten wurde das elektronisch gesteuerte Kurvenlicht vorgestellt.

Und wann kann ein Auto sehen?

Diese Innovation heißt Night Vision: In der Nacht leuchten Radarstrahlen die Straße aus oder sehen zum Beispiel bei Nebel oder starkem Regen Hindernisse, die der Fahrer nicht sieht. Und diese Hindernisse, zum Beispiel Fußgänger oder stehende Fahrzeuge, werden dann auf die Windschutzscheibe projiziert. Man sieht also etwas, was man mit dem bloßen Auge nicht sehen würde.

Wann kommt das?

In zwei oder drei Jahren.

Wird es auch einen Autopiloten geben, mit dem sich der Pkw selbst steuert?

Nein. Solche Visionen wurden schon vor 50 Jahren gehandelt. Die Komplexität ist hier einfach zu groß. Die neuen Instrumente heißen ja bewusst Assistent, weil der Fahrer das Steuer in der Hand behalten soll. Im Übrigen müssen die Autohersteller auch aus Gründen der Produkthaftung dem Fahrer die Verantwortung überlassen.

Der Reparaturaufwand wird immer größer und komplizierter.

Nicht unbedingt. Heute fährt man in die Werkstatt und mit einem Laptop werden die Fehler festgestellt, künftig geht das per Telediagnose. Im Jahr 2010 werden vermutlich drei Viertel aller Neuwagen an ein System der Ferndiagnose angeschlossen sein.

Dann muss man nicht mehr in die Werkstatt?

Wenn eine Fehlfunktion auftaucht, meldet das Auto den Fehler an den Hersteller oder an die Werkstatt. Per Mail oder Voice-Mail wird man dann informiert und bekommt einen Vorschlag, wann und wie der Fehler behoben werden kann. Bei schweren Störungen leitet das Navigationssystem den Fahrer zur nächsten Werkstatt.

Das alles betrifft die Elektronik. Aber was wird sich für die Insassen verändern?

Die Insassen standen bislang nicht im Mittelpunkt der Entwickler. Das verändert sich aber. Für den VW Phaeton ist zum Beispiel mit viel Aufwand eine Klimaanlage entwickelt worden, die keinen Luftzug produziert. Oder in der Mercedes S-Klasse kann man sich vom Sitz massieren lassen, um den Rücken zu entlasten. Für Kinder gibt es bislang keine befriedigende Lösung. Die werden hinten auf einen Römersitz geschnallt und nach zweihundert Kilometern fangen sie an, unangenehm zu werden. Insgesamt ist im Innenraum noch viel Spielraum, um das Fahren angenehmer zu machen.

In zehn Jahren ist fast ein Drittel aller Autofahrer älter als 60 Jahre. Welche Konsequenzen hat das für die Hersteller?

Ein Siebzigjähriger macht ja heute die tollsten Sachen. Der kraxelt den Mount Everest hoch. Vor 30 Jahren haben die Rentner Tauben gezüchtet und den Gemüsegarten gepflegt, heute machen die Weltreisen. Und fahren Cabrios und Geländewagen, weil sie aktiv sein wollen. Der Fahrspaß nimmt im Alter also keineswegs ab.

Welche Autos kaufen Frauen?

Ein Frauen-Auto gibt es nicht. Wenn Sie Kinder haben, dann achten Frauen auf Praktikabilität und fahren sehr gerne Vans oder Kombis. Aber schick muss das Auto auch sein. Frauen sieht man zum Beispiel sehr häufig in einem Mini und in Geländewagen oder Cabrios. Frauen legen also durchaus Wert auf Fahrspaß. Und sie sind selbstbewusst geworden. Dass der Mann das Auto aussucht und die Frau die Farbe wählen darf - die Zeiten sind schon lange vorbei.

Also gibt es kaum Unterschiede zum Mann?

Doch. Männer beißen schon mal ganz gerne ins Lenkrad und versuchen, mit Karacho voran zu kommen. Deshalb werden auch 75 Prozent der Fahrverbote gegen Männer verhängt; die Hauptursache ist überhöhte Geschwindigkeit. Männer überschreiten Limits, Frauen fahren vernünftiger, die brauchen nicht unbedingt 1001 PS unter der Haube.

Die Frau ist der besserer Fahrer?

Sie sind jedenfalls sensibler gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern. Ein Mann ist im Verkehr schnell auf 180 gebracht, die Frau bleibt cool.

Warum ist das Auto, noch vor Jahren als Dreckschleuder im Visier der Ökologen, heute so unumstritten?

Verbrauch und Emissionen sind sehr stark gesunken, vor allem wegen der hochmodernen Dieselmotoren. Und wenn die Rußpartikelfilter dazu kommen, womit sich die deutschen Hersteller erst schwer getan haben, sind das schon ziemlich „saubere“ Autos. Ein großes Problem ist noch immer Kohlendioxid und der Klimawandel, also die globale Erwärmung. Dieses Thema ist noch offen bei den Autoherstellern.

Wann gibt es denn wirklich saubere Motoren?

In 20 Jahren sind die Probleme beim Brennstoffzellenantrieb gelöst und dann haben wir ein Auto ohne Emissionen.

Und wie viele Autos sind dann hier zu Lande unterwegs?

Im Moment sind es 45 Millionen, aber es werden mit Sicherheit mehr. In Deutschland haben wir rund 580 Autos auf 1000 Einwohner, in den USA sind es 750. Wir werden die USA-Zahl auch langfristig nicht erreichen, aber wir wandern in Richtung 700.

Welche Autos werden in den kommenden Jahren am meisten gekauft?

BMW kommt mit den neuen Modellen 2004 und 2005 in einen Aufschwung rein und wird entsprechend profitieren. Der 5er wurde gerade eingeführt, der X3, der 6er und der kleine BMW kommen demnächst auf den Markt. Von dieser Vielfalt wird BMW profitieren. VW wird auch wieder Marktanteile gewinnen. Jetzt kommt der neue Golf und ein Jahr später der Passat. Und auf der Golf-Plattform wird es verschiedene Varianten geben, wie etwa der gerade vorgestellte Roadster. Bei Mercedes ist die C-Klasse im letzten Drittel des Lebenszyklus, die E-Klasse ist relativ neu und die S-Klasse wird langsam älter. Immerhin kommt 2005 die neue A-Klasse.

Was ist mit Opel und Ford?

Opel hat mit dem neuen Vorstandschef Forster eine neue Ausrichtung bekommen, die tragfähig ist. „Frisches Denken für bessere Autos“ - das zeigt sich nicht nur in Werbesprüchen, sondern auch in den Fahrzeugen. Der Meriva ist ein tolles Nischenprodukt unter dem Zafira, der Signum ist eine echte Neuheit und mit dem Astra und den Astra-Varianten wird Opel in den nächsten Jahren erfolgreich sein. Ford wird vermutlich weiter Marktanteile an VW, Opel und die Franzosen verlieren. Man hat bei Ford die Entwicklung von Fahrzeugvarianten vernachlässigt. Mit den Mondeo hatten sie einen großen Sprung gemacht, aber dann kam zu wenig hinterher.

Welche Hersteller werden die nächsten Jahre nicht überleben?

Es gibt Marken, die sind zum Sterben zu groß und zum Überleben zu klein. In Europa haben sicher Rover und Fiat Probleme. Für ein neues Modell braucht man rund eine Milliarde, und die kriegen manche nicht zusammen. Von den heute knapp 15 unabhängigen Autoherstellern werden in zehn Jahren nicht mehr alle mit dabei sein.

Das Gespräch führte Alfons Frese.

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