Wirtschaft : Märklin lebt weiter

Britischer Investor Kingsbridge kauft den schwäbischen Modelleisenbahnbauer / Belegschaft erleichtert

Corinna Visser

Berlin - Am Freitagmorgen hatte das monatelange Bangen ein Ende. Da konnten die Mitarbeiter von Märklin am schwarzen Brett lesen, dass ihr Unternehmen einen neuen Eigentümer hat. „Es ist ein Aufatmen durch das Werk gegangen“, sagte einer von ihnen. Der britische Finanzinvestor Kingsbridge Capital Investors hat das schwäbische Traditionsunternehmen von den 22 Altgesellschaftern gekauft. „Märklin ist eine der besten Marken der Welt, mit hohen Qualitätsstandards und einer loyalen Kundschaft“, sagte Kingsbridge-Chef Mathias Hink.

Das Ungewöhnliche daran: Die Belegschaft des größten Modelleisenbahnbauers der Welt wollte von dem Finanzinvestor übernommen werden. Sogar die IG Metall war dafür. Denn die Arbeitnehmer sehen in Kingsbridge keine Heuschrecke, sondern einen Retter. Rund 55 Millionen Euro Schulden soll das Unternehmen haben. Ohne frisches Kapital, so fürchtete die Belegschaft, hätten die Banken am kommenden Montag eine Reihe von Krediten fällig gestellt. Das hätte die schwierige Lage deutlich verschärft.

Seit 1859 sitzt Märklin im schwäbischen Göppingen. Damit hat die Firma mehr als 140 Jahre Tradition als Hersteller feinster Metallspielwaren. Heute fertigt Märklin Lokomotiven, Wagen, Schienen und Zubehör – alles was Liebhaber für eine elektrische Modelleisenbahn brauchen. Zuletzt gehörte das Unternehmen 22 Familiengesellschaftern. 19 waren bereit zu verkaufen, drei weigerten sich über Monate hinweg. Ihre Haltung sei Ausdruck der Verbundenheit mit dem Unternehmen, teilten Claudius und Peter Märklin sowie Dieter Stradinger mit. Am Ende haben auch sie unterschrieben.

„Die Belegschaft ist froh, dass das Gezerre ein Ende hat und wir nach vorne schauen können“, sagte Märklin-Betriebsratschef Franz Jordan. Die Firma brauche Wachstum. Märklin leidet seit Jahren unter der Kaufzurückhaltung der Kunden und auch unter der preisgünstigeren Konkurrenz. Viele Modelleisenbahner werfen dem Unternehmen vor, seine Modelle seien zu teuer. Und wegen der Unstimmigkeiten im Gesellschafterkreis, wurde zuletzt auch zu wenig investiert.

Das soll sich nun ändern. Mit den vereinbarten gemeinsamen Investitionen von Kingsbridge und Goldman Sachs sei der Weg nun frei für eine umfangreiche Neuausrichtung, teilte der neue Eigentümer mit. Man fühle sich der Traditionsmarke Märklin verpflichtet und werde „alles daran setzen, das Management in der Wahrnehmung der Wachstumschancen des Unternehmens tatkräftig zu unterstützen“. Die Marke soll wieder mehr an junge Leute herangeführt werden. Investiert werden soll vor allem in Vertrieb und Marketing, sagte ein Sprecher dem Tagesspiegel. Im Visier habe man dabei unter anderem die Märkte in den USA und Asien.

Etwa vier bis sechs Jahre seien ein realistischer Zeithorizont für das Engagement von Kingsbridge bei Märklin, sagte der Sprecher. Kingsbridge Capital Advisors ist eine Tochter der Hardtgroup, einer internationalen Investmentfirma, die ihren Sitz in Österreich hat. In Deutschland ist Kingsbridge bereits beim Strumpfhersteller Kunert in Immenstadt und bei der Kabelgesellschaft EWT engagiert.

Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Rund 30 Millionen Euro, so hört man aus dem Umfeld, zahlt Kingsbridge – wobei 15 Millionen Euro dazu dienen, einen Teil der Schulden von Märklin zu bezahlen.

Wegen des schwierigen Marktumfeldes der letzten Jahre hat Märklin bereits 2004 unter der Leitung des Geschäftsführers Paul Adams ein Restrukturierungsprogramm verabschiedet. Rund 350 Arbeitsplätze wurden seither abgebaut. Man wolle in die eingeschlagene Richtung weitergehen und nicht ein neues Restrukturierungsprogramm aufsetzen, erläuterte ein Sprecher von Kingsbridge. Das bisherige Management unter Geschäftsführer Adams bleibe.

Derzeit beschäftigt Märklin 1002 Mitarbeiter im Inland, im Ausland sind es noch einmal 344. Das Stammwerk ist in Göppingen bei Stuttgart. Weitere Produktionsstätten hat der Modelleisenbahnbauer im thüringischen Sonneberg, in Györ in Ungarn und in Nürnberg. Der Umsatz betrug im vergangenen Jahr 123 Millionen Euro, nach 148,5 Millionen in 2004, sagte Adams. Der Verlust von 6,8 Millionen Euro beinhaltete Rückstellungen für den Umbau des Unternehmens. Ohne diese habe das Betriebsergebnis 2,4 Millionen Euro betragen. In diesem Jahr will Märklin den Umsatz wieder steigern. „Wir liegen im Plan“, sagte Adams. Auf der Spielwarenmesse im Frühjahr hat Märklin deutlich mehr Aufträge entgegengenommen als im Vorjahr.

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