Wirtschaft : Märkte in Furcht vor Krieg und Krankheit

Deutsche Standardwerte etwas fester – Lungenentzündung Sars könnte Weltkonjunktur weiter bremsen

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Berlin (brö). Nach den massiven Verlusten vom Montag konnten sich die Aktienkurse an den deutschen Börsen am Dienstag etwas erholen. Der Leitindex Dax gewann bis zum Börsenschluss um 20 Uhr gut ein Prozent auf 2450 Punkte. Händler äußerten sich allerdings skeptisch über die weiteren Perspektiven. Neben der flauen Konjunkturlage verdüstert der womöglich lange anhaltende IrakKrieg die Aussichten. Zudem rücken die wirtschaftlichen Folgen der Lungenkrankheit Sars in den Fokus. Mehrere Firmen rieten ihren Mitarbeitern von Reisen in den Fernen Osten ab, wo die Krankheit bereits verbreitet ist.

Konjunkturell gibt es derzeit keine Aufwärtstendenzen. Die Geschäfte der Industrie liefen im März schlechter als zu Jahresbeginn. Fehlende Bestellungen aus dem Ausland drückten den Reuters-Einkaufsmanagerindex auf 47,8 Punkte nach 49,9 Punkten im Februar. Werte unter 50 Punkten bei den Umfragen unter 400 Einkaufsleitern belegen Schrumpfungstendenzen. Zudem gab es neue Hiobsbotschaften aus dem Einzelhandel – der Umsatz von Supermärkten und Boutiquen sank im Februar um real 1,2 Prozent. „In der nächsten Zeit sind kaum positive Signale für die Konjunktur zu erwarten, weshalb die Märkte labil bleiben dürften“, sagte Markus Reinwand, Stratege bei Helaba Trust.

Der Dax zeigte sich am Dienstag entsprechend labil. Titel von Versicherern, die in den vergangenen Tagen spürbare Kursabschläge hatten hinnehmen müssen, legten deutlich zu. Am stärksten gefragt war die Aktie der Münchener Rück mit einem Plus von 7,3 Prozent auf 56,33 Euro. Die Allianz gewann 5,7 Prozent auf 48,00 Euro. Marktkenner sahen darin indes nur eine Korrektur, weil die Papiere nun billig zu haben waren. „Offenbar schätzen einige Anleger die Kurse so ein, als könne man diese Aktien jetzt wieder kaufen“, sagte ein Händler.

Unter Druck standen hingegen Aktien von Verkehrsunternehmen und Reiseveranstaltern. Schuld waren der Irak-Krieg sowie Berichte über die Ausbreitung der Lungenkrankheit Sars auch in Deutschland. Die Lufthansa verlor fast 4,7 Prozent auf 7,76 Euro, auch Tui stand auf der Verliererseite.

Für die deutsche Wirtschaft sind nach Einschätzung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) allerdings noch keine direkten Auswirkungen durch Sars zu erwarten. „Allerdings verstärkt die Krankheit die Unsicherheit bei den Leuten“, sagte DIHK-Chefvolkswirt Axel Nitschke dem Tagesspiegel. Die Konsequenzen der hoch ansteckenden Krankheit seien derzeit kaum abzusehen. Würde sich Sars zu einer Epidemie ausweiten, wäre aber nicht nur der Handel mit Asien betroffen. „Das Nordamerika-Geschäft ist noch gewichtiger“, bemerkte Nitschke. Anton F. Börner, Präsident des Groß- und Außenhandelsverbandes BGA, warnte indes davor, in Hysterie zu verfallen. „Es gibt derzeit schwerer wiegende Probleme in Deutschland als die Sars-Krankheit“, befand Börner im Gespräch mit dieser Zeitung.

Gleichwohl reagierten mehrere Großunternehmen bereits auf die Bedrohung durch die hochgradig ansteckende Infektion. Die Deutsche Post untersagte ihren Mitarbeitern Geschäftsreisen nach China, Vietnam, Honkong und Singapur. Stattdessen sollten verstärkt Videokonferenzen genutzt werden. Wirtschaftliche Auswirkungen spüre man aber noch nicht, sagte eine Sprecherin der Post. Auch die Volkswagen AG, die zwei Fabriken in China unterhält, empfiehlt ihren Mitarbeitern, die Region zu meiden. Die Allianz hat bereits vor mehreren Tagen Verhaltensanweisungen für ihre Mitarbeiter herausgegeben.

Weitaus stärker ist dagegen der Ferne Osten von Sars betroffen. Neben mehreren Opfern und Erkrankungen sei auch ein geringeres Wachstum zu beklagen, befürchten Volkswirte der französischen Bank BNP Paribas Peregrine. Um 0,4 bis 1,5 Prozent dürfte die Krankheit das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes mindern, da Tourismus und Konsum zurückgehen und der Hongkong-Dollar an Wert verlieren würde, hieß es. Das Davoser Weltwirtschaftsforum sagte aus Angst vor Sars eine Konferenz in Peking ab.

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