Wirtschaft : Magnet für Filmemacher

Geld für die Filmkunst gibt es kaum, dennoch kommen alle nach Berlin: Drehbuchautoren, Regisseure und Produzenten

Christian Backe

Sechs Millionen Deutsche haben die DDR-Komödie „Good bye, Lenin“ im Kino gesehen. Mehr Zuschauer hatten nur sehr wenige deutsche Filme. Seine Berliner Produktionsfirma X-Filme beweist mit „Good bye, Lenin“ ihre Spitzenstellung unter deutschen Filmhäusern.

Mit dem 1997 von X-Filme produzierten Film „Lola rennt“ haben Stefan Arndt und Manuela Stehr, Geschäftsführer von X-Filme, zudem gezeigt: Der deutsche Film ist viel besser als sein Ruf. Der internationale Markt war von Anfang an das Ziel von X-Filme. „Wir haben uns auch entschieden, einen Film auf Englisch zu drehen, weil das die internationale Filmsprache ist“, sagt Stefan Arndt. Das heißt nicht, dass die Berliner ihre Wurzeln verleugnen – im Gegenteil: „Wir wollen urdeutsche Filme machen“, sagt Manuela Stehr, „authentische Filme, bei denen die Zuschauer im Ausland denken: Jetzt wissen wir, wie Deutschland ist.“

Von den sechs X-Filme-Gesellschaftern stammen fünf aus den alten Bundesländern. Der sechste, Regisseur Dani Levi, ist Schweizer. Trotzdem wählten die Firmengründer im Jahr 1994 als Firmensitz nicht eine der drei etablierten Filmstädte München, Köln oder Hamburg, wo die Förderanstalten der jeweiligen Bundesländer fast 80 Millionen Euro pro Jahr in die Filmwirtschaft pumpen, sondern es zog sie in das brodelnde Berlin. „Wir wollten einfach hier leben“, sagt Arndt.

So ging es nicht nur ihm und seinen Firmenkollegen. Die wiedervereinigte Hauptstadt ist zu einem Magnet für Drehbuchautoren, Regisseure und Produzenten geworden. Mehr als ein Drittel der heute hier ansässigen rund 900 Berliner Filmproduktionsfirmen entstand erst nach der Wende. Mittlerweile arbeiten mehr als 10 000 Menschen an der Spree für Kino und Fernsehen – das ist deutscher Rekord. Rechnet man wie die Senatsverwaltung für Wirtschaft alle TV-, Kino- und Werbeproduzenten sowie Verleiher und Kinos zusammen, arbeiten in Berlin mehr als 7300 Unternehmen mit insgesamt 58000 Beschäftigten in der Branche.

Schlusslicht ist Berlin hingegen, wenn es ums Geld geht. Die Berliner Filmbranche ist mittelständisch geprägt: Nur zwei Prozent der Unternehmen erwirtschaften mehr als 50 Millionen Euro im Jahr. Und das Budget der Fördereinrichtung Filmboard Berlin-Brandenburg betrug im vergangenen Jahr nur gut 17 Millionen Euro. Im laufenden Jahr versiegte diese staatliche Geldquelle zeitweise sogar völlig, weil das Land Brandenburg im Mai wegen der Finanznot eine Haushaltssperre verhängte. Die ist jetzt zwar teilweise wieder aufgehoben. Aber mit dem neuen Geld finanziert das Filmboard zunächst nur alte Projekte, bevor es wieder neue Förderanträge annimmt.

Auch von den Banken kommt kaum Kapital. Die Zurückhaltung der Banken liegt vor allem an der schwachen Konjunktur. Laut Deutscher Filmförderungsanstalt ging die Zahl der Kinobesucher in Deutschland im ersten Quartal 2003 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um knapp zwölf Prozent zurück. Der Umsatz sank um fast 13 Prozent. Damit setzt sich der Abwärtstrend von 2002 fort.

In Berlin leidet eine besonders unter der Flaute: Die Filmproduktions- und Vertriebsfirma Senator Entertainment. Sie machte im vergangenen Jahr den Rekordverlust von 178 Millionen Euro. Vorstandschef Hanno Huth musste einräumen, das Unternehmen werde wohl auch in diesem Jahr wieder rote Zahlen schreiben. Mancher in der Branche fragt sich inzwischen schon, ob Senator die gegenwärtige Krise überleben wird.

X-Filme wäre von der Pleite direkt betroffen, denn seit 2000 besitzt Senator mehr als 50 Prozent der Firma und hält außerdem ein Viertel der Aktien der im selben Jahr gemeinsam gegründeten Filmvertriebsfirma X-Verleih. Dennoch sind Manuela Stehr und Stefan Arndt zuversichtlich, was die Zukunft von X-Filme angeht. „Uns wird es auf alle Fälle weiterhin geben“, sagt Arndt. Auch den Schaden, den eine mögliche Senator-Pleite am Filmstandort anrichten könnte, schätzen die beiden eher gering ein: „So eine Branche hängt doch nie nur an einem Unternehmen.“

Standort Berlin - Wo die Hauptstadt erfolgreich ist. Folge 5: Beherbungsgewerbe

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