Wirtschaft : Mal Schwächling, mal Kraftprotz

Henrik Mortsiefer

Sind wir zu schwach, wenn er zu weich ist? Oder weicht er uns auf, wenn er zu stark ist? Der Euro und sein Verhältnis zum Dollar haben die deutsche Exportnation in wechselnde Identitätskrisen gestürzt. Bis kurz vor Silvester 2004 (der Euro kostete 1,36 Dollar) bewegte uns die Frage, wie teuer der Euro werden darf, ohne unseren Exportmotor abzuwürgen. Seit der jüngsten Verfassungskrise in der EU (die den Kurs auf 1,22 Dollar drückte) fragen wir uns, ob unsere Währung wertlos wird. Erinnert fühlen wir uns dabei an das Jahr 2000 (im Oktober kostete der Euro nur noch gut 0,82 Euro): Damals konnten wir zwar noch mit harter D-Mark einkaufen gehen, aber im bargeldlosen Zahlungsverkehr hatte die neue Gemeinschaftswährung ihren guten Ruf schon verspielt – bevor wir sie als Münzgeld im Januar 2002 zum Kurs 0,89 Dollar in den Händen hielten.

Was gilt also? Bei welchem Kurs ist der Euro fair bewertet? Sind es jene 1,18 Dollar, die 1999 zum Start der Währungsunion festgelegt wurden? Oder darf’s ein bisschen mehr sein?

Bei einer Ziffer, die von schwankenden Waren- und Geldströmen abhängig ist, ist ein fixer Wert naturgemäß schwer festzustellen. Einige Devisenexperten glauben trotzdem, dass 1,20 Dollar nicht weit vom „fairen“ Wert entfernt sind. Sie begründen das mit der so genannten Kaufkraftparität – also der Anzahl Euros die notwendig ist, um den gleichen repräsentativen Waren- und Dienstleistungskorb zu kaufen, den man für einen US-Dollar in den USA erhalten könnte. Zugegeben, die theoretische Messgröße ist unscharf, weil sich die Warenkörbe hüben und drüben unterscheiden und das Treiben der Spekulanten nicht berücksichtigt wird. Aber von den vielen unscharfen Messgrößen, ist die Kaufkraftparität noch die schärfste.

Was soll also die Aufregung? Sind wir bei 1,22 Dollar mit dem Euro nicht ungefähr da, wo wir hingehören? Die Theorie sagt: Ja! Trotzdem werden wir es nach dem Verfassungskrisen-Intermezzo bald wieder mit einem höheren Euro-Kurs zu tun haben, sagen die Experten. It’s the economy: Die Wirklichkeit hält sich – leider, leider – selten an die Theorie.

über den Euro,

Identitätskrisen und faire Werte

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