Wirtschaft : Malaysias dramatische Absage an den freien Markt

DANIEL KESTENHOLZ

BANGKOK ."Ich habe es immer gesagt", triumphierte Malaysias Premier Mohamad Mahathir, als Hongkongs Regierung ab Mitte August in den Aktienmarkt eingriff, um indirekt den Hongkong-Dollar zu stützen.Mahathir warnte seit Monaten, Kontrollmechanismen in den globale Finanzmarkt einzubauen, ansonst drohten Spekulanten, mit der Zickzackverschiebung von sogenanntem "heißem Geld" über Nacht Währungen und ganze Wirtschaften zu ruinieren.Hongkongs Behörden wiesen Mahathir, dessen Land in eine scharfe Rezession abgesackt ist, die kalte Schulter.Doch als der an Devisen gekoppelte Hongkong-Dollar in Bedrängnis geriet und der Börsenindex Hang Seng im freien Fall abzustürzen begann, schüttete die Regierung in Stützkäufen rund 15 Prozent der Devisenreserven von 96 Mrd.US-Dollar in den Markt.Das Schreckensgespenst einer Geldabwertung und ein weiterer Kapitalruin an der Börse sind damit - vorerst - gebannt, und nun hat auch Malaysia, entgegen der Finanzdoktrin des Internationalen Währungsfonds IWF, drastische Eingriffe in seinen Geldmarkt vorgenommen.Diese sollen einen weiteren Zerfall des einheimischen Ringgit aufhalten, nabeln das Land de facto aber von der Globalwirtschaft ab.

"Das System des freien Marktes hat wegen Mißbräuchen kläglich versagt", sagte Mahathir am Dienstag im nationalen Fernsehen.Internationale Geldtransfers würden daher eingefroren und der Handel mit Ringgit außerhalb Malaysias eingestellt.Der Hauptbörsenindex in Kuala Lumpur, der knapp 75 Prozent unter dem Vorjahresstand liegt, sackte nach Mahathirs Ankündigung um 13 Prozent ab, legte am Mittwoch aber um 12 Prozent zu.Anleger flüchteten angeblich in Aktien, weil der Ringgit nicht mehr frei konvertierbar war.Inzwischen ist die Landeswährung, die seit Ausbruch der Wirtschaftskrise rund 40 Prozent an Wert eingebüßt hat, zu einem Kurs von 3,80 per US-Dollar fixiert worden.In Banken quer durch Malaysia herrscht in diesen Tagen Chaos, und ein besorgter IWF kündigte Gespräche mit Malaysia an.Doch in Premier Mahathir stößt der Währungsfonds auf ein gebranntes Kind, dessen währungspolitischer Alleingang der orthodoxen Krisenmedizin des IWF zuwiderhandelt.

In bewährter Manier konterte Mahathir: "Wir sehen den Schaden, der durch den IWF in Südostasien, Nordostasien, in Russland und Lateinamerika angerichtet worden ist.All die harte Arbeit der Länder ist zerstört worden, um Spekulanten zu begünstigen." Die freie Marktwirtschaft sei in Verruf geraten und die Weltwirtschaft ein Chaos.Der IWF propagiert eine Globalwirtschaft ohne Handelsbarrieren, deren Erfordernisse finanzschwache Staaten oft nur zähneknirschend akzeptieren können.Mahathirs dramatische Absage an den freien Markt findet immerhin Rückendeckung durch den US-Finanzguru Paul Krugman, der jüngst Kapitalkontrollen als Ergänzung zu Reformen forderte.Denn die vom IWF auferlegte hohe Zinspolitik werde die Wirtschaften der Krisenstaaten abwürgen.Malaysia wird seine Zinsraten nun senken und Geld in die Wirtschaft pumpen können, ohne einen weiteren Zerfall des Ringgit befürchten zu müssen.Ferner ist den Steuermännern von Asiens Krisenwirtschaften nicht entgangen, daß China und Taiwan über Kapitalkontrollen verfügen und bislang als einzige Länder der Region von der Krise nicht gebrochen worden sind.Doch Malaysias harsches Einlenken dürfte zu ansteigender Kapitalflucht führen.Sollte die währungspolitische Flucht nach vorn Erfolge zeitigen, sind Malaysias Nachbaren geneigt, nachzuziehen.Das wäre zum einen eine Demütigung Washingtons, zum anderen der Anstoß für eine Debatte über ein Kapitalsystem, das Schwellenländer zunehmend als "Anarchie" und "Diktat der Finanzmächte" verurteilen.

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