Wirtschaft : Malaysias Schlamassel

Die Entlassung des stellvertretenden Premierministers Malaysias, Anwar Ibrahim, in der vergangenen Woche bedeutete das Ende einer Schlacht um die Seele einer wichtigen Nation.Ob mit Bedauern oder Schadenfreude - die meisten Malaysier sahen die Entlassung als den Ausgang eines langen politischen Kampfes an, der mit der Einführung von Kapitalkontrollen durch Premierminister Mahathir am Dienstag endete.Daß in Malaysia Kapitalkontrollen eingeführt werden, macht einmal mehr deutlich, wie groß das Durcheinander in der Weltwirtschaft geworden ist.

In den Jahren ihres unbehaglichen Zusammenlebens haben Mahathir und sein Vize nicht nur in der Wirtschaftspolitik Auseinandersetzungen gehabt.In Malaysia wie auch im Ausland stand Anwar für das demokratische Streben und die Aufgeschlossenheit einer neuen Generation, die eine geringere Last alter Kränkungen und Frustrationen mit sich herumträgt als der Mann, dessen Nachfolger Anwar nach allgemeinen Erwartungen werden sollte.Sein erzwungener Rücktritt setzt einen schwarzen Punkt unter ein riesengroßes Fragezeichen, das nun über Malaysias Zukunft steht.

Auf jeden Fall ist es unklar, wer abgesehen von Mahathir von Anwars Rücktritt profitieren sollte.Das noch optimistischste Szenarium ist nur ein kurzfristiges: Konjunkturmaßnahmen, Kapitalkontrollen und derartige Mittel könnten die Illusion wirtschaftlichen Wohlbefindens schaffen, das aber nur so lange anhalten wird, wie Mahathir seinen Sieg erklärt, eine Wahl ausrufen und eventuell einem bedauernswerten Nachfolger das unvermeidbare Schlamassel hinterlassen wird.Zu dem Zeitpunkt werden die Nachbarn von Malaysia auf dem Weg der Besserung sein.

Die Entscheidung von Malaysia, sich von den Kapitalströmen der Welt abzuschließen, könnte möglicherweise von China inspiriert sein, das den Währungssturm bislang ohne größeren Schaden überstanden hat.Sollte dies der Fall sein, hätte die Fehleinschätzung leicht vermieden werden können.Denn China ist nicht ein Vorbild, das andere südostasiatische Tiger erfolgreich nachahmen können.China ist den Marktkräften nur beschränkt ausgeliefert, da seine Volkswirtschaft abgeschlossen ist und die meisten Ressourcen noch dem Staatssektor zufließen.Das bedeutet, daß China anders als Malaysia auch von den Effizienzvorteilen des freien Marktes nicht profitieren konnte.

Zudem sind die hohen Wachstumsraten in China seit 1979 vor dem Hintergrund zu sehen, daß das Ausgangsniveau sehr niedrig war, und sie sind hauptsächlich dem Privatsektor zu verdanken, der innerhalb der Planwirtschaft zugelassen wurde.Malaysia ist bereits weit über dieses Stadium heraus.Es hat zudem einen Punkt erreicht, wo die einfachen Produktivitätsgewinne auslaufen, die beim Aufholprozeß entstehen.Zukünftiges Wachstum muß in hartem Wettbewerb errungen werden, und das kann nicht hinter Barrieren primitiver Devisenkontrollen getan werden.

Indem er auf solche Kontrollen gesetzt hat und deren prominentesten Gegner entlassen hat, ist Premierminister Mahathir auf sich selbst gestellt.Selbst die externen Stützen sehen dieser Tage wackelig aus.Es sieht auch so aus, als ob der Ökonom Paul Krugman seinen neuen Status als Malaysias "einflußreicher" Held der Kapitalkontrollen nicht wirklich begrüßt.Nachdem er solche Kontrollen in einem kürzlich erschienen Artikel in der Zeitschrift "Fortune" empfohlen hatte, schrieb Krugman nun auf einer Internetseite von "Fortune" einen offenen Brief an Mahathir, in dem er ihn warnte, daß "die Verzerrungen (von Kapitalkontrollen) auf eine Wirtschaft ernsthaft sind und mit der Zeit immer schlimmer werden." Obwohl Krugman sich zum Teil für Malaysias politische Wendung verantwortlich fühlte, sagte er, daß er Kapitalkontrollen nur als zeitlich befristete Maßnahme vorgeschlagen und hinzugefügt hätte, daß sie von Reformen flankiert werden müßten.

Optimistisch zu sein, fällt schwer.Ohne das Leuchtfeuer von Anwar Ibrahims oftmals soliden finanziellen Rat scheint es Malaysias Schicksal zu sein, eine Zeitlang unglücklich im Dunkeln zu stolpern.

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