MAN-Korruptionsaffäre : Ein Manager wehrt sich

Die Münchner Justiz wirft Ex-MAN-Vorstand Weinmann Beihilfe zur Bestechung vor. Das lässt er nicht auf sich sitzen.

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Angeklagt. Der frühere MAN-Vorstand Anton Weinmann muss sich vor dem Landgericht München verantworten.
Angeklagt. Der frühere MAN-Vorstand Anton Weinmann muss sich vor dem Landgericht München verantworten.Foto: dapd

Die Gerichtsberichterstatter hielten es zunächst für ein Versehen: Der Bestechungsprozess gegen den früheren MAN-Vorstand Anton Weinmann beginnt am heutigen Donnerstag, doch die Anklageschrift blieb bisher aus. Normalerweise wird sie in teils geschwärzter Form vorab zur Verfügung gestellt, damit die Medien über das Verfahren informiert sind. Doch es war kein Versehen. Vieles deutet darauf hin, dass dieser Prozess für Aufsehen sorgen wird.

Der heute 56-jährige Weinmann, der in zwei Bestechungsfälle in Belgien und Slowenien verwickelt gewesen sein soll, hat die Weitergabe der Anklage verhindert. Die darin enthaltenen Vorwürfe seien „sachlich unzutreffend“ und „tiefgehend ehrverletzend“, schrieb Weinmanns Anwalt Holger Matt in einer Stellungnahme. Der Verteidiger zeigte sogar zwei Staatsanwälte wegen angeblicher Beleidigung und Rechtsbeugung an. Nicht nur die Medien sollen uninformiert bleiben. Beobachter mutmaßen, dass um zehn Uhr im Verhandlungssaal B 166/I des Münchner Justizzentrums sogar die öffentliche Verlesung der Anklage verhindert werden soll.

Ein Mann wehrt sich gegen die Verfolgung durch die Staatsanwaltschaft. Oder er schlägt wild um sich, produziert jede Menge Theaterdonner, womöglich um von den Vorwürfen abzulenken? Bis zum Jahr 2009, als das weit verzweigte Bestechungssystem des Fahrzeug- und Maschinenbauers MAN aufflog, war Anton Weinmann Chef der wichtigen Nutzfahrzeug- Sparte. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass er von den beiden Bestechungsfällen gewusst und sie genehmigt hat. Die Anklage lautet auf Beihilfe zur Bestechung im geschäftlichen Verkehr. 2009 musste auch MAN-Vorstandschef Hakan Samuelsson seinen Posten räumen. 151 Millionen Euro Bußgeld zahlte der Konzern, hinzu kamen 20 Millionen Euro Steuernachzahlungen und 30 Millionen Euro an Aufklärungskosten. Von Samuelsson verlangt MAN die horrende Summe von 237 Millionen Euro Schadenersatz.

Dass ein angeklagter ehemaliger Top- Manager so in die Offensive geht wie nun Weinmann, ist eine Seltenheit. „Nach den Maßstäben der Strafprozessordnung hätte eine Eröffnung des Hauptverfahrens nicht erfolgen dürfen,“ sagt Anwalt Holger Matt. Die Vorwürfe würden von seinem Mandanten „nachdrücklich als falsch zurückgewiesen“. Ist also allein schon ein Prozess für einen Angeklagten massiv schädigend und ehrabschneidend – egal wie das Verfahren ausgeht?

Die zahlreichen Bestechungs- und Korruptionsprozesse der vergangenen Jahre endeten oft glimpflich und mit Geldbußen oder -strafen für die Angeklagten. Der ehemalige Siemens-Vorstandschef Heinrich von Pierer etwa bezahlte wegen der einstigen Korruptionsvorgänge 250 000 Euro Geldbuße und zusätzlich fünf Millionen „freiwillig“ an Siemens – zu einer Anklage kam es nicht. Ergebnislos endeten die Ermittlungen gegen die Verwaltungsratsmitglieder der landeseigenen BayernLB, die den Kauf der Kärntner Schrottbank Hypo Alpe Adria genehmigt und dem Freistaat ein Milliarden-Desaster bereiteten. Die einstigen Vorstandsmitglieder sollen womöglich im kommenden Jahr angeklagt werden.

Eine Einstellung des Bestechungsverfahrens erreichte der frühere Siemens-Manager Thomas Ganswindt gegen die Zahlung von 175 000 Euro, die Vorwürfe gegen ihn fielen während des Prozesses weitgehend zusammen. Sein beruflicher Ruf allerdings bleibt nachhaltig ruiniert. Einzig der Ex-Bayern-LB-Vorstand Gerhard Gribkowsky wurde kürzlich hart bestraft mit achteinhalb Jahren Gefängnis – dies war möglich, weil er als Amtsträger gesehen wurde. Laut Gerichtsurteil ließ er sich von Formel-1-Chef Bernie Ecclestone mit 44 Millionen Dollar schmieren.

Die Frontalangriffe des früheren MAN-Managers Anton Weinmanns gegen die Justiz entzünden erneut eine Diskussion darüber, wie Manager vor Gericht behandelt werden: zu mild, zu hart oder so, wie es das Gesetz verlangt – nämlich angemessen und wie jeder andere Bürger auch. Bei Pierer oder beim Ex- Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann während des Mannesmann-Prozesses war deutlich zu sehen, mit welchem Unverständnis sie auf das Handeln der Staatsanwaltschaft reagierten.

In München könnte es am heutigen Donnerstag vor Gericht turbulent zugehen. Vorsitzender ist der erfahrene Richter Hans-Joachim Eckert. Dieser erlangte kürzlich internationale Bekanntheit: Der Weltfußballverband Fifa hat ihn zum Vorsitzenden seiner Ethikkommission berufen. Er soll dort – nebenamtlich – das Korruptionsgestrüpp beseitigen.

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