Wirtschaft : „Man scheitert meist nur partiell“ Ein Philosoph gibt Tipps für den Neustart

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Wann ist man tatsächlich in seinem Beruf oder im Leben gescheitert?

Die Frage ist, ob man überhaupt so scheitern kann, dass das ganze Leben davon betroffen ist. Scheitern hat immer etwas damit zu tun, dass man eigene Ansprüche – oder die Ansprüche anderer – nicht erfüllt, dass sich ein Abgrund auftut zwischen diesen Ansprüchen und dem tatsächlich Erreichten. Und wenn man scheitert, dann meist nur partiell: Man kann etwa sagen, dass jemand mit seinen beruflichen Ambitionen gescheitert ist. Denken Sie an unseren ehemaligen Verteidigungsminister zu Guttenberg. Das war kein absolutes Scheitern. Er kann in Amerika neu anfangen.

Hat ein Scheitern auch positive Aspekte?

Scheitern ist im Wesentlichen eine Frage der Perspektive. Im Scheitern liegt stets eine Herausforderung. Das kann etwas Positives sein. Man verändert die Erwartungen, die man an sich und an sein Leben stellt. Manchmal wird so ein Neuanfang möglich, den man sonst nie gewagt hätte.

Wie schafft man so einen Neuanfang?

Es ist nicht leicht, die Möglichkeiten, die sich im Scheitern bieten, auch zu sehen. Scheitern kann eine lange zermürbende Erfahrung sein. Es kann aber auch ganz plötzlich kommen, beispielsweise wenn man einen Arbeitsplatz verliert, den man für sicher hielt. Solche Ereignisse stoßen einen vor den Kopf und können das ganze Leben fragwürdig erscheinen lassen. Aber dann kann man sich die Frage stellen, ob es wirklich sinnvoll war, alle Kraft in den Beruf zu investieren. Ein Scheitern kann mich dazu bringen, das Leben neu zu organisieren und die Gewichte in meinem Leben neu zu verteilen. Vielleicht wird einem klar, dass man statt des Berufs lieber menschliche Kontakte in den Vordergrund stellen sollte – oder eine von äußeren Gegebenheiten unabhängige, innere Zufriedenheit.

Wer oder was kann einem helfen?

Der Schock als solcher hilft schon. In den ersten Tagen oder Wochen sind viele Betroffene zwar noch sehr auf das Ereignis an sich fixiert. Allmählich gewinnt man aber Distanz. Selbstreflexion ist ganz wichtig. Es hilft, sich zu vergegenwärtigen, dass wir nicht alles selbst im Griff haben. Es besteht allerdings die Gefahr, in einer Fixierung auf das Scheitern gefangen zu bleiben. Da kann das Gespräch mit anderen Menschen die Scheuklappen öffnen. Dafür gibt es aber auch andere Wege: Ein Freund, der schon lange von Hartz IV lebt, sagt, die Romane von Dostojewski hätten ihn aus dem Teufelskreis der ständigen Selbstbespiegelung herausgerissen. Beim Lesen konnte er das Scheitern im Beruf außen vor lassen.

Das Gespräch führte Daniela Martens

Andreas Urs Sommer (39) ist Professor an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und wurde mit Büchern wie „Die Kunst des Zweifelns“ und„Die Kunst, selber zu denken“ bekannt.

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