Wirtschaft : "Man sollte genau hinsehen, was aufs Parkett gebracht wird"

Henrik Mortsiefer fragte Thomas Meier, Fondsmanager bei Union Investment, was von den Börsenneulingen zu halten ist.



Herr Meier, die Neuemissionen aus dem Bestand großer Konzerne wirken angesichts der Erfolgsgeschichte des Neuen Marktes etwas behäbig.Sind Konzerntöchter attraktiv für Anleger?

Unternehmen, die sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und eine klare Strategie erkennen lassen, sind für Anleger immer attraktiv.Wenn Konzerne einzelne Geschäftsfelder sozusagen in die unternehmerische Freiheit entlassen, ist das tendenziell positiv zu bewerten.Für Anleger, die weniger riskant investieren wollen und konservative, eher niedrig bewertete Unternehmen suchen, sind die Neuemissionen durchaus interessant.Die Unternehmen kommen den Anlegern ja auch mit relativ niedrigen Emissionspreisen entgegen.Aber: Man sollte genau hinsehen, wer da aufs Parkett gebracht wird.

Agfa ist beim Börsengang auf die Nase gefallen.Am ersten Handelstag sackte die Notierung unter den Emissionskurs.Hat Bayer Schrott angeboten?

Agfa ist kein Schrott, aber der Aktie fehlt die nötige Phantasie.Agfa ist ein sehr spezieller Wert, bei dem unklar bleibt, wohin die Reise langfristig gehen soll und woher das überdurchschnittliche Wachstum kommen soll.

Wird der Veba-Konzern mit seiner Tochter Stinnes ähnlich durchfallen?

Über den langfristigen Erfolg des Papiers können wir noch nichts sagen.Aber wir halten das Stinnes-Papier für durchaus interessant.Vor allem als Logistik-Unternehmen ist Stinnes in einem überdurchschnittlich wachsenden Markt positioniert.Das Handelsvolumen wird weltweit steigen, und es werden clevere Logistik-Lösungen gebraucht.Das regt die Phantasie der Anleger an.Aber: Auch Stinnes hat eine Restrukturierung hinter sich, aus der erst noch Kapital geschlagen werden muß.

Vor einem radikalen Umbau steht Hoechst.Jetzt soll auch das Spezialchemie-Geschäft, das mit der Beteiligung an Clariant abgedeckt wird, an der Börse versilbert werden.Liefert Hoechst damit eine überzeugende "story"?

Ja.Der Konzern verfolgt konsequent eine Strategie: Er soll vom Chemie- und Pharma-Konglomerat zum Life-Science-Konzern transformiert werden.Mit Blick auf die bevorstehende Fusion mit Rhône-Poulenc ist das überzeugend.

Stichwort Direktbanken.Die Deutsche Bank will ihre "Bank 24", die Commerzbank die "Comdirekt Bank" an die Börse bringen.Wird da nicht Tafelsilber verkauft?

In der Tat kann im Fall der Direktbanken gefragt werden, ob die Mutterhäuser hier nicht Teile ihres Kerngeschäfts verkaufen.Zweifellos ist das Filialgeschäft durch das Online-Banking stark unter Kostendruck geraten.Die Margen werden kleiner.Und: Die Geldhäuser müssen den Spagat zwischen Firmenkunden- und Privatkunden-Geschäft schaffen.Aber die hohe Bewertung der US-Direktbanken an der Börse sollte die deutschen Banken nicht zu vorschnellen Entscheidungen verführen.Dennoch: Internet und Online-Banking könnten für die Börse die richtigen Stichworte sein.

Was bringt der Börsengang denn außer einem aufpolierten Kurs-Gewinn-Verhältnis und Cash für die Konzern-Kasse?

Die Börse diszipliniert.Viele Konzerne sind in den vergangenen Jahren zu enormen Konglomeraten herangewachsen, die breit diversifiziert sind.Diese Gebilde geraten nun immer mehr unter Druck - auch von internationalen Investoren.

Färbt der Börsengang einzelner Geschäftsbereiche positiv auf das Kerngeschäft ab?

Durchaus.Die Blue Chips werden schlanker und konzentrieren sich im globalen Wettbewerb auf ihre Stärken.Das kommt bei den Anlegern an.

Und bei Fondsgesellschaften wie Union Investment?

Bei uns natürlich auch.Es fällt den Fonds leichter, eine bestimmte Branche "zu spielen", wenn die Konzerne sich klarer in einem Markt positionieren.Veba zum Beispiel war nie ein reiner Energiewert.Das könnte sich bald wieder ändern.

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