Wirtschaft : „Man sollte ihm die Augen verbinden“

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Von Stefan Liwocha

Farmingdale. Neulich im amerikanischen Fernsehen: „Es ist wirklich an der Zeit“, sagte ein Kabarettist, „das Handicap von Tiger Woods künstlich zu erhöhen.“ Ihm schwebte vor, den besten Golfer der Welt mit anderen Schlägern auszurüsten, „um die Hälfte kürzer, vielleicht aus Plastik" oder ihm gar „die Augen zu verbinden". Vermutlich liegt darin momentan tatsächlich die einzige Chance, den besten Golfprofi der Welt zu stoppen. Auf dem extrem schweren Black Course in Bethpage Park führte Tiger Woods seine Verfolger vier Tage lang an der Nase herum, um am Ende souverän mit drei Schlägen Vorsprung bei den US Open zu triumphieren. Damit gewann Woods sieben der letzten elf Major-Turniere. Eine derartige Dominanz hat es bei den vier größten Golfturnieren der Welt noch nie gegeben.

„Dieser Erfolg war hart erkämpft“, erklärte der 26-Jährige, „der Kurs war brutal und sehr schwer zu spielen.“ Danach küsste Woods die silberne Trophäe, steckte den Siegerscheck über eine Million Dollar ein und ließ das Blitzlichtgewitter der Fotografen bereitwillig über sich ergehen. Ein Bild, an das man sich gewöhnt hat. Im Hintergrund applaudierten brav die Verfolger Phil Mickelson, Jeff Maggert und Sergio Garcia, die in dieser Reihenfolge die Plätze zwei bis vier belegten. Abgeschlagen folgte Bernhard Langer auf Rang 35, der ihm noch 31 945 Dollar einbrachte.

Der Spanier Garcia war mit vier Schlägen Rückstand gemeinsam mit Woods in die Schlussrunde gegangen, doch der vor allem vom TV-Network NBC erhoffte Zweikampf der Führenden entpuppte sich als Ein-Mann-Show. Obwohl Woods mit zwei Bogeys startete und sein Vorsprung auf zwei Schläge schrumpfte, konnte Garcia daraus kein Kapital schlagen. Ebenso erging es Phil Mickelson, der sich nach einem misslungenen Turnierstart am Sonntag bis auf zwei Schläge an Woods herangekämpft hatte. Doch seine Hoffnung, am Schluss von einer 49-minütigen Regenunterbrechung zu profitieren, war vergebens. „Ich dachte nach Tigers Fehlstart, ich hätte eine Chance“, erzählte Mickelson, „aber dann ist er stärker als ich es mir gewünscht habe aus der Pause zurückgekommen.“ Das kennt man.

Wenn es darauf ankommt, ist niemand der mentalen Stärke Woods’ gewachsen. Während der Weltranglistenerste in entscheidenden Situationen zulegt, scheitert die Konkurrenz am Druck. „Vor dem Turnier habe ich gedacht, dass Par ein unglaubliches Ergebnis wäre“, sagte Mickelson, „aber nun habe ich erkannt, dass ich mich weiter steigern muss, um gegen Tiger ein Turnier zu gewinnen.“ So änderte sich auch auf der öffentlichen Anlage Bethpage Park vor den Toren New Yorks nichts an der alten Rollenverteilung. Woods ist der Held, Mickelson die tragische Figur. Wobei Letztgenannter zwar auch diverse Rekorde aufstellt, allerdings von der traurigen Sorte. Es war das siebte Finish für Mickelson unter den Top-Drei eines Majors und mit einer Bilanz von 0:40 ist der sympathische Loser unter den Golfern. Noch nie konnte er ein großes Turnier gewinnen.

Und es sieht ganz danach aus, als käme er an dem überragenden Woods auch in Zukunft nicht vorbei. Die US Open waren eigentlich bereits am Donnerstag gelaufen, als Woods mit einer 67-er Runde in Führung ging. Den Star von der Spitzenposition zu verdrängen, ist quasi unmöglich. Erst recht auf der Zielgeraden. Bereits vor der Gala bei den US Open war Woods siebenmal bei einem Major als Führender in die Schlussrunde gegangen und hatte jedesmal gewonnen. Nachdem Woods nun als erster Spieler seit Jack Nicklaus (1972) die beiden ersten großen Turnier eines Jahres für sich entscheiden konnte, ist der Grand Slam in greifbare Nähe gerückt. Als der 26-Jährige vor einem Jahr als erster Golfer die vier Major-Trophäen in seinen Händen hielt, argumentierten Kritiker, dass dies in einem Kalenderjahr geschehen müsse. Kommt nun der saubere Grand Slam? „Klar, das ist mein Ziel“, sagte Woods. Im nächsten Monat wird er bei den British Open erneut gejagt werden. Sein Vater Earl hat schlechte Nachrichten für die Konkurrenz: „Vor unseren Augen verbessert sich Tiger von Turnier zu Turnier - er hat sein Limit noch längst nicht erreicht.“

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