Wirtschaft : Managerinnen: Deutsche Frauen bleiben in der Küche

Elizabeth Williamson

Was die Karrierechancen von Frauen angeht, hat Deutschland einen schlechten Ruf: Während Männer die Führungsebenen der Unternehmen beherrschen, müssen sich Frauen für ihre Vorstellungen über Familienplanung rechtfertigen. Sie leiden darunter, dass in Deutschland die Kinderbetreuung teuer und auch noch mangelhaft ist. Nur 3,7 Prozent der Führungsposten in Deutschland sind von Frauen besetzt - unterboten wird das nur noch von Dänemark. Wenn es also schon im zweiten Jahr in Folge keine Deutsche in die Liste der 25 erfolgreichsten Managerinnen Europas geschafft hat, ist das keine Überraschung.

"Frauen, die auf ihren Märchenprinzen warten, bringen nicht die 200 Prozent, die für eine steile Karriere gebraucht werden", flachst Bernhard Meyer, der durch seine Frankfurter Agentur Meyer & Associates Besetzungen für Investmentbanken sucht. Nur wenn sie keine Familie wollten, hätten Frauen Erfolg in der Geschäftswelt, sagt Meyer. Kein Wunder also, dass die großen Konzerne von Männern geleitet werden und dass weniger als zehn Prozent der Professorenposten an deutschen Universitäten von Frauen besetzt sind - obwohl sie mehr als die Hälfte der Absolventen ausmachen.

Ruth Ellen Schneider-Lenné, die einzige Frau im Vorstand der Deutschen Bank, wurde nach ihrem Tod im Jahr 1996 durch einen Mann ersetzt. Unter den Gründern sind deutsche Frauen mit einem Anteil von nahezu einem Drittel zwar weitaus besser repräsentiert. Doch da die Wahl der besten Managerinnen einen dauerhaft erfolgreichen Unternehmenskurs voraussetzt, kamen viele Firmen aus der New Economy nicht in die engere Wahl.

In diesem Jahr teilen sich zwei Managerinnen den ersten Platz der Rangliste: Sari Baldauf, die als Präsidentin der Nokia-Sparte Nokia Network den Abstand zum Rivalen Ericsson verkürzen konnte. Und Rose Marie Bravo, die der britischen Kleidermarke Burberry im ersten Halbjahr 2001 zu einem Umsatzplus von 28 Prozent verhalf. Die Ränge Drei und Vier werden von Maria Marced, der Vizepräsidentin von Intel, und Agnes Touraine, der Geschäftsführerin von Vivendi Universal Publishing, besetzt. Auf den fünften Platz kam die Französin Christine Lagarde, Vorstandschefin des amerikanischen Bankhauses Baker & McKenzie. Ihre Familie lebt in Paris, sie pendelt zwischen Chicago und Frankreich - ein deutliches Zeichen für das unterschiedliche Karriereverständnis in Deutschland und anderswo in Europa.

"Die Einstellung der Deutschen zu Frauen im Arbeitsleben ist anders als in Frankreich", sagt Ann-Kristin Achleitner, Professorin für Gründerfinanzierung an der Technischen Universität München und Mitglied in der Jury für die Wahl. Mehr als drei Viertel der französischen Frauen sind erwerbstätig. Die Mehrheit der französischen Managerinnen sind Frauen, deren Mütter selbst gearbeitet haben. Das deutsche Recht erlaubt einen Mutterschaftsurlaub von bis zu drei Jahren. Eine staatliche Vollzeitbetreuung für Kinder im Alter von sechs bis neunzehn Jahren gibt es nicht, zur Mittagspause werden Schüler oft nach Hause geschickt. Kindermädchen sind rar und teuer. "In Frankreich nennt man dich weich, wenn du deine Kinder nicht betreuen lässt", sagt Frau Achleitner. "In Deutschland denkt man dagegen, dass die Erwerbstätigkeit von Frauen zu Lasten ihrer Kinder geht."

Nach Meinung von Bettina Langenberg, die bei der Deutschen Bank Leiterin des Bereichs Unternehmensbeziehungen Schweiz ist, wird es Zeit, dass deutsche Frauen ihre Rechte wahrnehmen. Als eine der hochrangigen Frauen im Management der Bank betreut sie mit ihrem Team das Investmentgeschäft für 60 große schweizerische Unternehmen. Sie bezeichnet es als "makroökonomische Notwendigkeit", dass Frauen in Deutschland in die Führungsetagen vordringen. "Wenn hochqualifizierte Frauen im Alter von 30 Jahren ausscheiden, verlieren die Unternehmen 50 Prozent ihrer Ressourcen und haben enorme Ausfallkosten," sagt sie.

Besonders berüchtigt für die männliche Vorherrschaft im Management sind die deutschen Banken. Bei der Deutschen Bank zum Beispiel sind nur 6,1 Prozent der Stellen unmittelbar unterhalb der Vorstandsebene durch Frauen besetzt. Im mittleren Management sind es immerhin schon 30 Prozent, was eine deutliche Verbesserung seit der Zeit vor 15 Jahren bedeutet. Damals waren die Quoten einstellig, in höheren Ebenen waren Frauen gar nicht vertreten.

"Frauen werden heute besser gefördert", sagt Frau Langenberg, doch die Kinderbetreuung zwingt viele von ihnen frühzeitig aus dem Job. Die wenigen, die in Spitzenpositionen vordringen, gelten oft als "exotische Charaktere", sagt sie. Manche Manager versagen den Frauen die Beförderung, weil sie Angst haben, dass allzu kämpferische Damen ihnen die eigenen Posten streitig machen könnten.

Langenberg hat 1997 zusammen mit 40 anderen Frauen aus Führungspositionen der Deutschen Bank die Organisation Women in European Business, kurz WEB - gegründet. Ziel ist die Förderung von Frauen in der Geschäftswelt und die Beratung junger Frauen mit Talent für Managerposten. Frau Langenberg, die 51 Jahre alt und unverheiratet ist, sieht die Organisation "als Netzwerk und als Plattform zum Austausch von Informationen", nicht als Mittel, um sich zu verbünden.

Im Jahr 2000 organisierte die WEB ihren ersten öffentlichen Workshop, bei dem es im Unterschied zu anderen Frauenkonferenzen um knallharte Wirtschaftsthemen ging. Und weil deutsche Frauen es anders als ihre amerikanischen Kolleginnen vorziehen, nicht öffentlich über Persönliches zu reden, reservierte man eine eineinhalbstündige Mittagspause für den privaten Austausch. Innerhalb von zwei Tagen schrieben sich eintausend Frauen und zwanzig Männer für das Seminar ein. An diesem Dienstag will Gerhard Schröder die diesjährige WEB-Konferenz eröffnen, auf der neue Arbeitsbedingungen und Beschäftigungsmodelle für Frauen diskutiert werden sollen.

Einen Hoffnungsschimmer gab es für die Managerinnen der Deutschen Bank im vergangenen Monat, als der Vorstandsvorsitzende Rolf-Ernst Breuer sich zur Nachfolge für ein ausgeschiedenes Vorstandsmitglied äußerte. Seine Wortwahl wurde in der Bank als Signal gewertet. Man wisse noch nicht, so Breuer, wer Nachfolger oder Nachfolgerin für den Vorstandsposten werden solle.

Die Jury

An der Zusammensetzung der Jury kann es nicht gelegen haben, dass die deutschen Frauen bei den einflussreichsten Managerinnen Europas so schlecht abgeschnitten haben. Denn im Auswahlgremium, das für das Wall Street Journal Europe nach den besten Frauen auf den Chefsesseln Europas fahndete, saßen mit der Wissenschaftlerin Ann-Kristin Achleitner und dem Unternehmensberater Roland Berger gleich zwei Vertreter aus Deutschland. Auch Frankreich und England hatten je zwei Mitglieder in der Jury. Spanien, Italien, Schweden und die Schweiz waren mit jeweils einem Mitglied vertreten. Erfolgreicher als die Frauen in der größten Volkswirtschaft Europas sind übrigens nicht nur England und Frankreich - sondern auch Polen. Tsp

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