Wirtschaft : Manfred Krieger

Geb. 1947

Katja Füchsel

Hier die Guten, da die Bösen – das war seine Welt. Bis sich alles drehte. Er lachte. Am 16. März 1999 stand Manfred Krieger nachts im Flur und schüttelte sich vor Lachen. In der Hand hielt er seine Schnürsenkel und die goldene Halskette, die man ihm am Morgen für den Tag in Haft abgenommen hatte. Der Kriminalhauptkommissar johlte und gluckste: Ich bin korrupt! Manne ist auch korrupt! Zigaretten sollen wir geschmuggelt, Autos verschoben haben!

Morgen muss ich den Dienstausweis abgeben, sagte Manfred und kippte den Korn in sich hinein. Noch nie hatte Bärbel ihren Mann so verzweifelt gesehen.

Bis zum frühen Morgen saß Manfred Krieger auf der Couch, dieser blonde Hüne mit Schnurrbart und Bauch, der mehr schicke Anzüge als Bärbel Kleider besaß. Seit 35 Jahren hatte „Manne“ bei der Berliner Polizei gearbeitet, eine bessere Arbeit konnte er sich nicht vorstellen. Auch der 16. März hatte gut begonnen. Manfred Krieger saß an seinen Schreibtisch im Landeskriminalamt. Dann klopfte es und etwas pflügte wie ein Eisbrecher durchs Leben von Manfred Krieger, zerbrach es in zwei Hälften.

Manfred wurde als Sohn einer Fleischermamsell und eines Hauptwachtmeisters in Neukölln geboren. Die Mutter war, wie es heißt, eine ganz Patente: Sparsam und fleißig brachte sie es mit ihren Tante-Emma-Läden zu Vermögen. Um Manfred mussten sich andere kümmern, die Tante, die Zugehfrau, das Internat. Mutter Krieger griff ein, wenn es wichtig wurde. „Sie sind symphatisch“, verkündete sie eines Tages im Geschäft. „Sie wären was für meinen Sohn!“

Bärbel, die junge Sekretärin aus der Fahrschule gegenüber, dachte: Was ist das denn für eine Pfeife? Dass der dafür seine Mutter braucht!

Manfred, der frisch ernannte Polizist, dachte: Ach, Mama nervt. Geh ich eben hin, dann hab’ ich meine Ruhe.

Mit seinem neuen Opel Sprint fuhr Manfred vor. Er chauffierte Bärbel zum Grunewald, erst essen, dann spazieren. Was folgte, war wie von Mama geplant: ein Ausflug, eine Reise, die Wohnung, die Hochzeit, der Sohn Alexander. Manfred wagte lange nicht, den Säugling auf den Arm zu nehmen, diesen schreienden, zerbrechlichen Fremdling. „Nach fünf Monaten habe ich ihm das Baby einfach auf seinen Bauch gelegt“, sagt Bärbel. Viel geändert hat das nicht.

Aber so war es ja abgemacht: Für sie das Kind, für ihn der Job. Manfred Krieger wollte nach oben, auch ohne Abi und Uni. Die Funkstreife ödete ihn an, das Einsatzkommando Tempelhof war es auch nicht, also schuftete er für Ruf und Akte. 1973 hatte er es geschafft, war da, wo er immer hingewollt hatte: Landeskriminalamt Berlin, Raubkommissariat.

Weggerissene Handtaschen, überfallene Supermärkte, Tankstellen, Juweliere, Banken – das war Kriegers Welt. Hier die Guten, da die Bösen. Er jagte dem Kaufhauserpresser Dagobert hinterher, er untersuchte den Tatort, nachdem der Öl-Millionär Malicha in seiner Zehlendorfer Villa überfallen worden war. Sein karges Dienstzimmer teilte „Manne“ sich mit „Manne“, 15 Jahre lang. Die Manfreds waren keine festen Freunde, aber gute Kollegen. „Auf den Manne kann ich mich verlassen“, meinte Krieger. Er hätte das damals auch über die gesamte Berliner Polizei gesagt.

Dann der 16. März 1999. Es hatte vorher keine Gerüchte gegeben, keinen einzigen Hinweis. Es war 7 Uhr 45, als drei Polizisten an Manfred Kriegers Schreibtisch traten, die Handschellen zogen und ihn abführten. Auf der Wache am Spandauer Damm sah er, wie sich auch die Zellen nebenan füllten: Da, der Manne! Und da drüben seine Frau! Und der Holger! Auch seine Frau! Der Jürgen! Krieger begriff gar nichts, dachte nur: Das ist ein Film, ein schlechter Film!

Es begann an diesem Tag einer der größten Skandale der Berliner Polizei. Die vier LKA-Ermittler standen im Verdacht, mit rumänischen Mafiosi gemeinsame Sache gemacht zu haben. So hatte es ein Rumäne den Kollegen von der Direktion 2, den Ermittlern der „Arbeitsgruppe Rumba“ erzählt – „Rumba“ für „Rumänische Bandenkriminalität“. Manfred Krieger und seine drei Kollegen wurden am selben Abend nach Hause entlassen, aber die Ermittlungen gingen weiter. Der Polizeipräsident suspendierte die Polizisten vorläufig.

Als Manfred Krieger am nächsten Morgen, müde und verkatert, seine Dienstmarke abgab, ließ sich auf dem Flur kein Kollege blicken, sein Chef entließ ihn schnell und formell. Bei Verdacht schuldig. Sein Telefon wurde abgehört, die Wohnung observiert. Zu Hause begann Manfred Krieger, sich in seiner zweiten Lebenshälfte einzurichten: Er verbrachte seine Tage im Schlafzimmer, trank schon am Vormittag, kam nur heraus, um in den Ermittlungsakten zu lesen – wieder und wieder: „Scheiße! Auch gelogen! Hier wieder: frei erfunden!“

Als er nach drei Monaten als weitgehend rehabilitiert galt, da wollte Krieger nicht zurück ins Kriminalamt, dahin, wo die Ermittlungsakten die Runde gemacht und in den Dienstzimmern Misstrauen gesät hatten. Wo jetzt beinah jeder wusste, dass es seine Mutter zu Geld gebracht hatte, wo sie ihn einen „Hobby-Polizisten“ nannten. Nie mehr saßen sich Manne und Manne in ihrem Zimmer gegenüber. Eine Krankschreibung folgte der nächsten, nach zwei Jahren ließen sich beide pensionieren. Manfred Krieger war da 54 Jahre alt.

Er hatte einen Freispruch allererster Klasse bekommen: Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte erst den rumänischen Kronzeugen, später den verantwortlichen Kripo-Chef. Über Krieger und seine drei Kollegen sagte der Richter: „Alle waren unschuldig, alle haben erhebliche seelische Verletzungen erleiden müssen.“

Das nützte Manfred Krieger nicht mehr viel. Er schlief lange, trank viel, sprach wenig. Und der Alkohol und der Krebs zerfraßen seine Leber. Seine Frau speiste er mit dürren Sätzen ab: Das ist meine Sache. – Du wirst schon sehen. – Versorgt bist du ja.

Zwei Dutzend Polizisten kamen ans Grab von Manfred Krieger. Bärbel fand das tröstlich, auch wenn sie weiß: Er hätte das nicht gewollt.

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