Manfred Wittenstein, Präsident Maschinenbauer : "Wir sind keine Krisenbranche"

Der Präsident der Maschinen- und Anlagenbauer, Manfred Wittenstein, zu Auftragseinbrüchen, Ausbildung und Kreditklemme.

Alfons Frese
Wittenstein
Manfred Wittenstein: "Die Krise geht vorbei, und dann wollen wir vorne dabei sein."Foto: Wolff

Herr Wittenstein, wie geht es Ihrem Unternehmen?


Die Erwartungen, die wir noch vor ein paar Monaten gehabt haben, erfüllen sich nicht. Der Umsatz wird in diesem Jahr um zehn bis 15 Prozent sinken. Dabei entwickeln sich die Märkte ganz unterschiedlich: In manchen Bereichen haben wir sehr starkes Wachstum, in anderen einen extremen Einbruch.

Um welche Märkte geht es?

Medizintechnik läuft gut, ebenso der Bereich Nanotechnologie sowie Sicherheits- und Energietechnik. Auf der anderen Seite gibt es im klassischen Maschinenbau, zum Beispiel Verpackungsmaschinen, große Einbrüche, weil natürlich viele Firmen derzeit nicht investieren. Die große Spannbreite zeigt sich auch in der Beschäftigung: Wir suchen Spezialisten, zum Beispiel Systemanalytiker, Elektroniker, Projektleiter und Motorspezialisten, und fahren in manchen Bereichen Kurzarbeit.

Und mit dieser Spannbreite kommt die Firma klar?

Ja, das ist das Besondere. In Deutschland hat sich ein Wandel vollzogen. Arbeitgeber und Arbeitnehmer wissen, dass sie voneinander abhängig sind, und dieses Gefühl der Gemeinsamkeit ist stärker geworden. Wir müssen also nicht den Betriebsrat davon überzeugen, dass wir in einer schwierigen Lage sind. Wenn sie eine vernünftige Kommunikationspolitik betreiben und den Betriebsrat ernst nehmen, dann sind heute Dinge möglich, die vor einigen Jahren nicht denkbar waren. Wir wissen aber auch: Das Leben geht weiter, die Krise geht vorbei, und dann wollen wir vorne dabei sein.

Sie glauben immer noch, trotz Auftragsabstürzen um die 50 Prozent, dass unsere Maschinenbauer stärker aus der Krise kommen als andere?

Was mein Unternehmen anbelangt, glaube ich das sehr wohl, weil wir unsere Strukturen anpassen. Und viele andere tun das auch. Alte Dinge werden zurückgefahren, neue ausgebaut. Vom Grundsatz her ist unsere Branche hervorragend aufgestellt, wir haben keine Defizite im internationalen Wettbewerb. Und wir beschäftigen uns mit den zentralen Themen der Menschheit: Gesundheit, Klima, Energie, Wasser, aber zunehmend auch mit Elektromobilität.

Warum werden dann allein in diesem Jahr mindestens 50 000 Arbeitsplätze in der Branche abgebaut?

Der Produktionsrückgang von 22 Prozent in den vergangenen Monaten hat uns überrascht. Und dieser enorme Einbruch ist ja nur ein Durchschnittswert. Es gibt Branchen, zum Beispiel Druck- oder Werkzeugmaschinenbau, da ist die Situation noch viel schlimmer. Ein Kapazitäts- und Personalabbau ist dann unumgänglich. Doch alles in allem bleibt der Stellenabbau weit unter dem Niveau des Produktionsrückgangs. Auch mithilfe der Kurzarbeit können wir unsere Stammbelegschaften zum großen Teil halten.

Einer Umfrage Ihres Verbandes zufolge wird es bei 54 Prozent der Firmen auch Abbau bei der Stammbelegschaft geben.
Wir werden Einschnitte haben, vor allem in den Industrien, die besonders nach unten gezogen werden. Und es wird auch Konkurse geben. Doch diese Grundhaltung in unserer Industrie ist weit verbreitet: Wir müssen unsere Stammbelegschaften halten. In der Vergangenheit haben wir darunter gelitten, wenn wir in der Rezession zu viel Personal abgebaut haben.

Gibt es derzeit überhaupt Chancen für den Nachwuchs? Was wird aus Schul- und Hochschulabsolventen und den Azubis?

Wir stecken da in einem Dilemma: Rein betriebswirtschaftlich gesehen brauchen wir jetzt niemanden. Aber wir wissen, dass die Wende allein schon aus demografischen Gründen kommen wird. Und wir wissen aus den Erfahrungen Anfang der 90er Jahre, welche Nachwehen eine falsche Positionierung hat. Damals hat die Industrie keine Ingenieure mehr eingestellt, das war ein verheerendes Signal. In der aktuellen Situation müssen wir Brücken bauen und gemeinsam mit der Politik den jungen Leuten den Weg ins Berufsleben ebnen.

Wie sehen solche Brücken aus?

Wir stellen Ausbildungsabsolventen ein, so dass sie erst mal im Unternehmen sind, setzen sie aber zum Teil auf Kurzarbeit und ergänzen das durch Weiterbildung. Derzeit gibt es Gespräche auf politischer Ebene dazu, und wir bekommen ganz positive Signale im Hinblick auf mögliche Unterstützung.

Gibt es genügend Nachwuchs?

Der Maschinenbau ist heute attraktiver als vor zehn Jahren, das sieht man an den Studienzahlen. Das Qualifikationsniveau in unseren Belegschaften steigt permanent, wir brauchen also gut ausgebildete, engagierte Menschen. Es gelingt uns aber noch nicht oft genug, die Besten zu gewinnen. Frauen gehen zum Beispiel, obwohl mathematisch oder naturwissenschaftlich begabt, lieber in soziale Berufe. Das muss ja nicht schlecht sein, aber solche Frauen hätten wir auch gerne.

Gibt es keine Frauen in Ihrer Firma?

Doch, natürlich. Wir haben einen neuen Studiengang Vertriebsingenieur auf den Weg gebracht, der insbesondere für Frauen sehr geeignet ist.

Weil die besonders gut verkaufen können?

Weil Frauen eine gute Sozialkompetenz haben und eine bestimmte Kompetenz im Gespräch mit Kunden. Heute können sie ja einem Kunden nichts mehr aufs Auge drücken. Sie müssen auf den Kunden zugehen, ihm zuhören und ihn verstehen, und da haben Frauen Vorteile. Im Übrigen verhandele ich auch lieber mit einer Frau. Schließlich: Der Maschinenbau besteht ganz überwiegend aus Männern. Diese Männer produzieren Güter für die gesamte Menschheit, die besteht aber zur Hälfte aus Frauen. Ich glaube, wenn wir mit den Augen einer Frau konstruieren würden, bekämen wir andere und womöglich bessere Lösungen.

Wie holen Sie Frauen in Ihr Unternehmen?

Da muss man schon persönlich in die Bütt. Ich bin also in die Schulen gegangen und habe für den neuen Studiengang geworben. Und siehe da, fast die Hälfte der Studierenden sind Frauen.

Gibt es Frauen im VDMA?

Im Hauptvorstand, der insgesamt rund 100 Mitglieder zählt, gibt es zwei. Hier liegt also noch eine Strecke Weges vor uns. Ich sehe einen höheren Frauenanteil auch auf der Führungsebene durchaus als Chance für unsere Wachstumsbranche.

Aktuell gibt es eher das Phänomen, dass sogar Weltmarktführer unter den deutschen Maschinenbauern in die Knie gehen, weil sie zu verträglichen Konditionen kein Geld von den Banken bekommen.

Das sehen wir mit Sorgen. Es wir zäher, dauert länger, die Zinsen gehen hoch, die Finanzierung wird kurzfristiger. Die Banken nutzen die Möglichkeit, ihr Geschäft auf diese Weise und auf Kosten der Realwirtschaft positiv zu gestalten. Das ist ärgerlich, denn die Realwirtschaft ist ja wegen der Fehlentwicklungen in der Finanzwirtschaft in diese Schwierigkeiten geraten. Ganz schwierig wird es womöglich gegen Ende des Jahres oder zu Beginn des neuen Jahres, wenn die Bilanzen fertig sind und dann das Rating der Firmen schlechter ausfallen wird.

Dann spitzt sich die Krise weiter zu?

Alles in allem sind wir sicher in einer schwierigen Situation, aber wir sind keine Krisenbranche. Wenn sie als Krisenbranche eingeordnet werden, wie die Automobilindustrie, dann werden sie flächendeckend bei den Ratings runtergesetzt. In der Folge verschärfen sich die Probleme mit den Banken und jeder Kreditsachbearbeiter winkt von vornherein ab.

Gibt es irgendwo positive Entwicklungen in Ihrer Branche?

In China haben wir in diesem Jahr immerhin ein Plus von 5,6 Prozent. Aber auch die Opec-Staaten liegen mit plus elf Prozent gut. Doch unsere Renner der vergangenen Jahre sind eingebrochen: Russland um 35 Prozent, Brasilien 29 und Indien um 28 Prozent. Mittelfristig bin ich aber sicher, dass wir nicht nur in diesen Ländern wieder Wachstum haben, sondern auf den Weltmärkten insgesamt an die alten Erfolge anknüpfen können.

Ein Zukunftsthema ist die Elektromobilität. Können wir den Vorsprung der Asiaten bei der Autobatterie aufholen?

Wir müssen uns anstrengen. Dabei ist die Forschung nur ein Aspekt, die Produktion ein anderer. Die Amerikaner machen das besser als wir: Die stecken viel Geld in die Batterieentwicklung, aber noch viel mehr in die Produktionsprozesse. Weil sie gemerkt haben, dass es ein Fehler war, einen großen Teil der industriellen Wertschöpfung in den vergangenen Jahrzehnten nach Asien verlagert zu haben. Denn dadurch gehen bestimmte Fähigkeiten verloren und man wird abhängig. Das versuchen Amerikaner und Engländer jetzt etwas zu korrigieren. Und wir sind gut beraten in der Gesellschaft insgesamt, die Produktion hierzulande zu pflegen.

Das Gespräch führte Alfons Frese

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben